Andreas Jacobs / Richard Ottinger (Hgg.): Akademischer Antisemitismus. Wie Forschung und Lehre Judenhass begründen und verbreiten, Berlin / Leipzig: Hentrich & Hentrich 2026, 192 S., ISBN 978-3-95565-757-4, EUR 23,00
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Ressentiments werden oft mit einem geringen Bildungsgrad assoziiert. Politische Bildung und akademische Ausbildung erscheinen in dieser Perspektive als probates Gegenmittel. Dass diese Annahme gerade mit Blick auf den Antisemitismus unhaltbar ist, zeigt der von Andreas Jacobs und Richard Ottinger herausgegebene Sammelband. Entstanden aus einer Fachkonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung im Frühjahr 2025, beleuchtet er verschiedene Aspekte des akademischen Antisemitismus, der insbesondere nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 weiter an Bedeutung gewonnen hat, wie die Herausgeber im Vorwort betonen. Er artikuliere sich meist camoufliert und über den Umweg der sogenannten Israelkritik: "Dementsprechend geht es in den Beiträgen dieses Buches vor allem um Diskussionen und Begründungen des Israelbezogenen Antisemitismus in wissenschaftlichen Kontexten." (9)
Der Oldenburger Philosoph Ingo Elbe etwa behandelt die postkoloniale Israelfeindschaft, während Hendrik Hansen einen Überblick über die ideengeschichtlichen Ursprünge des Antisemitismus in einer linken Israelkritik liefert und Dani Kranz die Kontinuitäten verschiedener, auch vormoderner Formen des Judenhasses in der Wissenschaft diskutiert.
Der Beitrag von Stephan Grigat, Professor an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und Direktor des dortigen Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien, verweist darauf, dass es sich eine Kritik an der heutigen (postkolonialen) Linken nicht zu einfach machen dürfe. Ein zu pauschales Urteil sei wohlfeil und verkenne, dass von Marxisten und linken Theoretikern aus dem Umfeld der Kritischen Theorie das analytische Rüstzeug geliefert wurde, um den Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Facetten adäquat und radikal zu kritisieren. Die von Karl Marx entwickelte Kritik der politischen Ökonomie analysierte die Funktionsweise des Kapitalismus mitsamt der aus ihm erwachsenden ideologischen Formationen und Fetischisierungen. Diese Erkenntnisse wendeten dann marxistische Theoretiker wie Moshe Postone an, um den Antisemitismus im Nationalsozialismus und nach der Shoah analytisch zu erfassen. Zugleich verweist Grigat auf die proisraelische Positionierung der Protagonisten der Frankfurter Schule, die sowohl auf Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, aber auch auf Herbert Marcuse zutrifft. Trotz seiner scharfen Kritik am linken postkolonialen Antisemitismus sowie an unkritischen Haltungen gegenüber dem Islamismus und islamistischen Regimen wie dem Iran plädiert Grigat dafür, diese andere linke Tradition stärker in Erinnerung zu rufen, um "eine sinnvolle Auseinandersetzung mit akademischem Antisemitismus" zu führen (80).
Der Beitrag von Verena Buser behandelt die Kontroverse um den Genozidbegriff, während die Juristin Angelika Günzel die Anfälligkeit des Völkerrechts für antisemitische Tendenzen diskutiert. Der Geschlechterforscher und Historiker Vojin Saša Vukadinović geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass der heutige Queerfeminismus stramm antizionistisch ist, zu mörderischem Antisemitismus schweigt und sich mit islamistischen Terrorgruppen und Diktaturen solidarisiert, die das Gegenteil einer freien, selbstbestimmten Lebensweise zu erzwingen suchen.
Günther Jikeli, Professor an der University of Indiana in Bloomington, führt den weit verbreiteten Antisemitismus unter Muslimen unter anderem auf Islamismus, Panarabismus und entsprechende Sozialisationsprozesse zurück. Antisemitische Topoi und Verschwörungserzählungen gehörten oftmals zum Alltagsleben dazu. Jikeli schlussfolgert deshalb: "Eine gründliche Auseinandersetzung mit antijüdischen Traditionen im Islam und deren Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft steht noch aus. Solche islaminternen Reformprozesse wären jedoch unerlässlich, um antisemitische Interpretationsmuster zu überwinden und eine offene sowie differenzierte Identitätsbildung in muslimischen Gesellschaften zu ermöglichen." (157)
Die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter geht der Israelfeindschaft in ihrem Fach nach. Ihre Kritik an der Ausrichtung der Ethnologie und verwandter Disziplinen wie der Islamwissenschaft fasst sie folgendermaßen zusammen: "Bei allen fachlichen Differenzen stellen die Verständigung auf das Zerrbild eines rassistischen 'weißen Westens' sowie die Fokussierung auf Menschen, die dem 'Globalen Süden' zugeordnet und als Opfer des Westens wahrgenommen werden, eine Gemeinsamkeit der genannten Disziplinen dar. Israel gilt in dieser binären Imagination als Teil des Westens und im Verhältnis zu den Palästinensern stets als 'Täter'." (159)
Diese Haltung exemplifiziert Schröter anhand von Ghassan Hage, einem libanesisch-australischen Akademiker, der 2023 eine Gastprofessur am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale) innehatte. Das Massaker der Hamas interpretierte er apologetisch als Versuch, die palästinensische Sache wieder auf die Tagesordnung zu setzen und die Annäherung arabischer Staaten an Israel zu unterminieren. Die Max-Planck-Gesellschaft reagierte irritiert und beendete schließlich das Vertragsverhältnis. Hage verurteilte diese Reaktion als rassistisch und inszenierte sich als "Opfer einer rechten Verschwörung weißer Suprematisten" (172).
Im abschließenden Beitrag zeigt Johannes Sosada auf, dass ein gebildeter Antisemitismus eine lange Tradition in Deutschland aufweist, aber nach dem 7. Oktober noch einen großen Schub erlebte.
Der Sammelband liefert aus interdisziplinärer Perspektive einen guten Überblick über die Verbreitung von (israelbezogenem) Antisemitismus im akademischen Kontext und legt die problematischen Tendenzen in unterschiedlichen Fächern offen. Schade ist, dass einige Beiträge zu oberflächlich bleiben und vor allem bereits Bekanntes referieren. Dieser Umstand ergibt sich allerdings daraus, dass es sich um gesammelte Konferenzbeiträge handelt.
Gerade weil der Band den akademischen Raum als einen wichtigen Ort der Produktion und Verbreitung antisemitischer Deutungsmuster untersucht, stellt sich allerdings auch die Frage nach den Gegenkräften innerhalb der Wissenschaft. Gewonnen hätte der Sammelband deshalb dadurch, wenn sich mindestens ein Beitrag mit konträren Tendenzen an Universitäten beschäftigt hätte. So gründete sich beispielsweise Ende 2023 das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ferner haben mehr Universitäten einen Antisemitismusbeauftragten ernannt, die antisemitischen Tendenzen entgegenwirken und als Ansprechpartner für jüdische Studierende fungieren sollen. Eine Einbeziehung dieser Entwicklungen hätte das Bild des akademischen Antisemitismus und der Gegenstrategien an Hochschulen vervollständigt. Gleichwohl bietet der Sammelband einen informativen und interdisziplinären Einstieg in die Debatte und eignet sich insbesondere dazu, die unterschiedlichen Erscheinungsformen des israelbezogenen Antisemitismus in akademischen Kontexten sichtbar zu machen.
Sebastian Voigt