Sheila Fitzpatrick: Lost Souls. Soviet Displaced Persons and the Birth of the Cold War, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2024, x + 341 S., ISBN 978-0-691-23002-3, USD 35,00
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Sheila Fitzpatrick, die ebenso renommierte wie streitbare Historikerin der Geschichte der Sowjetunion, hat seit den 1980er Jahren wissenschaftliche Debatten, insbesondere über den Stalinismus, wesentlich mitgeprägt. Forschungen zu politischen Entscheidungen und staatlichen Strukturen stellte sie dabei eine sozial- und alltagshistorisch geprägte Perspektive von unten gegenüber [1]. Diesem Zugriff bleibt sie auch in ihrem Buch Lost Souls treu, in dem sie sich mit den Schicksalen sowjetischer Displaced Persons (DPs) befasst: mit Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als befreite Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, Kriegsgefangene, Überlebende der Konzentrationslager oder Geflüchtete im besetzten Deutschland gestrandet waren.
Fitzpatrick interessiert sich dafür, wie DPs unter den Bedingungen alliierter Ordnungsvorstellungen und internationaler Hilfsstrukturen eigene Strategien entwickelten, Handlungsspielräume nutzten und ihrerseits die Politik der Alliierten und der internationalen Organisationen beeinflussten. Diese doppelte Perspektive bestimmt auch den Aufbau des Buches: Im ersten Teil, "The Great Power Story", beleuchtet Fitzpatrick die politischen und diplomatischen Auseinandersetzungen der Siegermächte um Repatriierung und Resettlement sowie die Rolle der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), die bis 1947 mit der Versorgung der DPs beauftragt war. Im zweiten Teil, "The DP Story", richtet sie den Blick auf die Wahrnehmungen, Erwartungen und Entscheidungen der Displaced Persons selbst. Im dritten Teil, "Solving the Problem", führt Fitzpatrick beide Ebenen zusammen und untersucht, wie die große humanitäre Krise der Nachkriegszeit schließlich bewältigt werden konnte.
Betrachtete Wolfgang Jacobmeyer in den 1980er Jahren DPs noch als fremdbestimmte "verwaltete Menschen" [2], betonen neuere Forschungen ihre Handlungsmacht und analysieren beispielsweise ihre politischen Aktivitäten, kulturellen Praktiken, Bildungseinrichtungen oder Erwerbstätigkeiten. Insofern ist Sheila Fitzpatricks Blick auf DPs nicht grundsätzlich neu. Innovativ ist vielmehr der größere Rahmen, in den sie ihre Studie stellt: In der Geschichte und Gegenwart globaler Fluchtbewegungen und Vertreibungen erscheint der Umgang mit den Displaced Persons in der europäischen Nachkriegszeit als erklärungsbedürftige Ausnahme. Ein großer Teil der etwa elf Millionen Menschen wurde unmittelbar nach dem Krieg ins Herkunftsland oder dessen Nachfolgestaat repatriiert, sowjetische DPs teilweise unter Zwang. Etwa eine Million verblieb in den westlichen Besatzungszonen des ehemaligen Deutschen Reiches. Den meisten von ihnen gelang es innerhalb weniger Jahre, mit Unterstützung der westlichen Alliierten und der UNRRA-Nachfolgeorganisation International Refugee Organization in andere Länder überzusiedeln. Fitzpatrick bezeichnet dies als "success story" (X) und fragt, warum es in relativ kurzer Zeit gelang, Lösungen für die Zukunft der DPs zu finden, während andere Flüchtlingskrisen über Jahrzehnte fortbestehen - etwa die der Palästinenser nach 1948.
Dieser Frage geht Fitzpatrick am Beispiel sowjetischer Displaced Persons nach. Die Kategorisierung ist erklärungsbedürftig; einen Schlüssel bietet der Buchtitel: "Lost Souls" verweist nicht nur auf Entwurzelungserfahrungen der DPs, sondern spielt zugleich auf eine ältere Bedeutung des russischen Wortes duša (Seele) an. Wie in Nikolaj Gogols Roman "Die toten Seelen" von 1842 waren damit Leibeigene gemeint, die zu einem Grundbesitz gehörten. Als sowjetische DPs fasst Sheila Fitzpatrick in diesem Sinne all jene Verschleppten und Geflüchteten zusammen, welche die Sowjetunion nach dem Krieg gleichsam als ihr Eigentum beanspruchte und deren Überstellung sie verlangte. Dazu zählten nicht nur Menschen, die bereits vor dem Krieg sowjetische Staatsangehörige gewesen waren, sondern auch Personen aus den von der UdSSR annektierten Gebieten sowie Angehörige der ersten russländischen Emigration, die infolge von Oktoberrevolution und Bürgerkrieg aus dem ehemaligen Zarenreich geflohen waren und sich in anderen europäischen Ländern niedergelassen hatten. Die Kategorie umfasst damit Menschen sehr unterschiedlicher ethnischer, sozialer und religiöser Herkunft - ehemalige "Ostarbeiter" und geflüchtete Eliten, ukrainische, russische, baltische und jüdische DPs bis hin zu häufig übersehenen Gruppen wie Kalmücken oder Tataren.
Für Fitzpatrick besitzt das Thema auch eine persönliche Dimension: Ihr verstorbener Ehemann Michael Danos (1922-1999) hatte nach dem Krieg als lettischer DP in der britischen Besatzungszone gelebt. Sein umfangreicher Familiennachlass diente Fitzpatrick als Grundlage einer früheren Publikation [3]. Auch mit der Migration ehemaliger DPs in ihr Heimatland Australien hat sie sich beschäftigt [4]. Für Lost Souls stützt sich Fitzpatrick nun auf ein breiteres Spektrum persönlicher, staatlicher und institutioneller Überlieferungen. Als besonders aufschlussreich erweisen sich Akten der sowjetischen Repatriierungsbehörde im Staatsarchiv der Russländischen Föderation, darunter Interviews mit zurückkehrenden DPs, die mit erstaunlicher Offenheit über ihre Erfahrungen in den westlichen Besatzungszonen berichteten.
Dass die große Mehrheit der DPs innerhalb weniger Jahre eine dauerhafte Perspektive fand, resultierte aus dem Zusammenspiel humanitärer Intervention, internationaler Verhandlungen und DP-Initiative. "DPs were people in difficult situations who constantly had to make choices to maximize their chances." (88) Sie gründeten Interessenvertretungen und Gewerbe, schufen Ausbildungsmöglichkeiten in DP-Lagern oder schrieben sich an deutschen Universitäten ein. In der Anfangsphase legten manche sich falsche Identitäten zu, um sich dem Zugriff sowjetischer Repatriierungsoffiziere zu entziehen. Auch der Auswanderungsprozess war geprägt von "acts of self-reinvention" (88), etwa indem Alters- oder Berufsangaben im Lebenslauf den Anforderungen des Ziellandes angepasst wurden.
Ein entscheidender Faktor für die Bewältigung der DP-Krise war laut Fitzpatrick der beginnende Kalte Krieg. Mit der zunehmenden Ost-West-Konfrontation wandelte sich die Selbstbeschreibung der DPs von "victims of war and fascism" zu "victims of communism" (156 und 252). Dieses "rebranding" (253) beeinflusste die Einwanderungspolitik westlicher Staaten, insbesondere der USA. Die Aufnahme Hunderttausender Osteuropäerinnen und -europäer diente nicht nur dazu, dem Arbeitskräftemangel vieler Nachkriegsgesellschaften zu begegnen, sondern auch dazu, die Überlegenheit, Anziehungskraft und Humanität westlicher Demokratien gegenüber dem sowjetischen System zu demonstrieren. Im Zeichen des Antikommunismus eröffneten sich sogar Einwanderungsmöglichkeiten für Personen, die während der deutschen Besatzung kollaboriert hatten oder an Kriegsverbrechen beteiligt waren.
Es ist eine Meisterleistung der Autorin, die politischen Auseinandersetzungen um die Zukunft der Displaced Persons mit deren individuellen Erfahrungen in einer fesselnden Darstellung zu verbinden. DPs erscheinen bei Fitzpatrick nicht allein als Opfer von Deportation, Zwangsarbeit oder Flucht, sondern als Menschen, die Zukunftspläne entwickelten und die langen Jahre des Wartens mit Ausbildung, Arbeit, aber auch mit Sport, Spaß, Abenteuer oder Tourismus füllten. Bisweilen gerät dieser Blick etwas zu positiv, etwa in Bezug auf die Lebensbedingungen in den DP-Lagern oder die Schicksale der in der Bundesrepublik Deutschland verbleibenden "Heimatlosen Ausländer". Auch einzelne Ungenauigkeiten unterlaufen der Autorin, beispielsweise die Bezeichnung polnischer Zwangsverpflichteter als "Ostarbeiter" (132). Das ändert jedoch wenig daran, dass Lost Souls ein kluges und anregendes Buch ist, das die Geschichte der Displaced Persons mit zentralen Fragen der europäischen Nachkriegs- und Migrationsgeschichte verbindet.
Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch Sheila Fitzpatrick: New Perspectives on Stalinism, in: The Russian Review 45 (1986), 357-373, sowie dies.: Everyday Stalinism. Ordinary Life in Extraordinary Times: Soviet Russia in the 1930s, New York 1999.
[2] Wolfgang Jacobmeyer: Vom Zwangsarbeiter zum Heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945-1951, Göttingen 1985, 20.
[3] Vgl. Sheila Fitzpatrick: Mischka's War. A European Odyssey of the 1940s, Melbourne 2017.
[4] Vgl. dies.: White Russians, Red Peril. A Cold War History of Migration to Australia, Abingdon / New York 2021.
Anke Stephan