Deniss Hanovs / Valdis Teraudkalns: Powdered Fakes. The Legitimacy of Elizabeth Petrovna in Russian Court Culture 1741-1761 (= Russian History & Cultures; Vol. 26), Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2025, XVII + 259 S., 15 s/w-Abb., ISBN 978-3-506-79821-3, EUR 109,00
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Stefan Ragaz: Religija. Konturen russischer Religionskonzepte im Orientdiskurs des 19. Jahrhunderts, Würzburg: Ergon 2021
Die Funktionen und Bedeutungen höfischer Zeichen und Symbole gehören zu den zentralen Themen der Hofforschung. Bereits vor über zwanzig Jahren sprach Werner Paravicini von einer Theorie höfischer Zeichensysteme der Frühen Neuzeit als Grundlage für die Beschäftigung mit der höfischen Welt. Im Zentrum steht die Analyse der Bedeutungen von Personen, Handlungen, Institutionen und Gegenständen am Hof, etwa die Prachtentfaltung, die Konstruktion von genealogischem Wissen und die symbolische Kommunikation von Hierarchien. [1] Diese Überlegungen beruhen vor allem auf Untersuchungen westeuropäischer Höfe. Für Russland fehlt bislang eine vergleichbar theoretisch fundierte und thematisch elaborierte Hofhistoriografie. Immerhin aber legte Paul Keenan vor dreizehn Jahren eine Studie zum Zarenhof der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor, die auch symbolische und performative Praktiken des Petersburger Hofes in den Blick nahm. [2] Lorenz Errrens Sammelband zur Musik am russischen Hof untersuchte Musik als Teil sozialer und politischer Praktiken und zeigte unter anderem, wie die russische Hofgesellschaft die italienische Oper für sich entdeckte. [3]
Zu welchen hof- und herrschaftspolitischen Implikationen die Aneignung der italienischen Barockoper am russischen Hof in der Mitte des 18. Jahrhunderts führte, zeigt eindrucksvoll die hier zu besprechende Monographie von Deniss Hanovs und dem kürzlich verstorbenen Valdis Tēraudkalns. Während kulturelle und symbolische Praktiken an westeuropäischen Höfen vor allem der Reproduktion dynastischer Anciennität und sozialer Hierarchien dienten, kam in Russland der Umstand hinzu, dass zwischen 1725 und 1762 drei der vier weiblichen Herrscherfiguren infolge von Verschwörungen auf den Zarenthron gelangten. Die Herrschaftslegitimation musste damit nach jedem Umsturz neu begründet werden. Genau dieser Frage geht "Powdered Fakes" am Beispiel der Palastrevolte der Zarin Elisabeth von 1741 nach.
Die Studie ist an der Schnittstelle von Kulturgeschichte des Hofes, des Politischen und historischer Musikwissenschaft angesiedelt. Das Bild Elisabeths als einer politischen Herrscherfigur wird in der Sprache und Ästhetik höfischer Theatralik gezeichnet, und zwar anhand der Opernlibretti des habsburgischen Hofkomponisten Pietro Metastasio. Ausgehend vom Verständnis des Librettos als einem textbasierten politischen Diskurs und von Jacobsens Konzept der Metatheatralität untersuchen die Autoren, wie Elisabeth in der Sprache der barocken Oper ihre Palastrevolte dauerhaft zu legitimieren suchte. Die Analyse changiert zwischen mehreren theoretischen Ansätzen - unter anderem Lotmans Semiotik, Bourdieus symbolischer Macht- und Performativitätsforschung und Assmanss kulturellem Gedächtnis. Die Autoren offenbaren den Hof als einen mannigfaltigen politischen Kommunikations- und Disziplinierungsraum, der durch symbolische Praktiken der höfischen Theatralik konstituiert wurde.
Die Monographie gliedert sich in zwei Teile. Im theoretischen Teil wird die Theatralität des Hofes als theatrum mundi eingeführt: als ein räumliches System sozialer Ordnung und politischer Bedeutungen. Es gab eine Verflechtung zwischen sozialer Hierarchie der höfischen Gesellschaft, der sozial-räumlichen Sitzordnung der Theaterlogen und der sozialen Hierarchie in Metastasio-Opern. Da die Libretti die soziale Struktur des ancien régime widerspiegelten, zugleich aber transformierbare Texte waren, konnten sie flexibel als Medien der Identifikation der Netzwerke der jeweiligen Macht- und Loyalitätsbeziehungen eingesetzt werden. Die Zahl der Arien und Themen wurde nach sozialem Rang der Figuren festgelegt. Die Herrscherin und ihre Höflinge wurden somit ganz im Sinne von theatrum mundi in die Handlung der Oper einbezogen.
Diese Verflechtung von höfischer Theatralik, politischem Raum und der Sprache der politischen Botschaften Elisabeths wird anschließend im zweiten Teil an konkreten Beispielen gezeigt. Zunächst an der Einstellung der Todesstrafe durch Elisabeth, die als opernhafter Akt im Sinne des lieto fine der Metastasio-Libretti beschrieben wird (Kapitel 5). Der Text des Manifests folgt dem Stil und der Plotstruktur eines Librettos; Stählins Adaption von Metastasios "La clemenza di Tito" greift die Geste der Gnade auf und lässt Elisabeth in einer Parallele zu Kaiser Titus erscheinen. Die Kapitel 2-4 zeigen, wie Themen und Medien der opera seria für den russischen Kontext adaptiert und aus metastasianischen Libretti russische Machtdramen wurden. Ihr bewusst gewählter Erzählstil lässt die Schilderung der historischen Ereignisse und die Sujets der Metastasio-Libretti ineinandergreifen, wodurch der Eindruck eines fließenden Übergangs zwischen dem Raum des Hofes und dem der Oper vermittelt wird. Für den Leser entsteht dadurch eine für eine wissenschaftliche Lektüre ungewöhnliche Leseerfahrung.
Zugleich untersucht die Studie Gegenentwürfe zum Bild einer titusähnlichen Elisabeth. Die Frage nach dem subversiven Potential der arkadischen Metastasio-Libretti verdeutlicht die Rolle Stählins als einflussreicher Akteur der elisabethanischen Opernpolitik (Kapitel 6 und 13). Es wird gezeigt, welche stilistischen Brüche die Originallibretti am Zarenhof erlebten und welche ästhetisch-politische Rolle in diesem Adaptionsprozess der Prolog als integraler Bestandteil der höfischen Barockoper in Russland spielte. Am Beispiel des offiziellen Krönungsalbums Elisabeths von 1744 untersuchen die Autoren zudem intertextuelle Verbindungen zwischen Libretti, dem Selbstporträt Elisabeths und orthodoxen Predigten (Kapitel 7, 8 und 9). Bereits die Krönung und ihre mediale Inszenierung enthielten Elemente der monarchischen Semiotik der frühbarocken Oper. Solare, männlich konnotierte Symbolik sowie biblische und antike Sujets dienten der Konstruktion einer zweigeschlechtlichen und friedensstiftenden Kaiserin. Dabei verband das elisabethanische Machtdrama Motive, die einander in den arkadisch geprägten Libretti Metastasios ausschlossen. Während im Original von "Artaserse" barocke Wunder fehlen, erscheinen sie in der russischen Adaption im Prolog. Die Verbindung arkadischer Einfachheit mit barocker Opulenz in Stählins Adaptionen prägte die Prologe. So entstand eine spezifische russische Hoftheatralik, in der das Element des Wunders mit der Idee einer natürlichen Überlegenheit Elisabeths verbunden wurde und die Palastrevolte als wundersame Folge eines inneren Wandels rationalisiert werden konnte.
Zu den wesentlichen Verdiensten der Studie gehört die Offenlegung einer bislang unzureichend untersuchten Ebene der mnemonischen Staatspolitik: der Erfindung kollektiver Erinnerungen durch das gedruckte Libretto und die performativen Arrangements des höfischen Musiktheaters (Kapitel 10). Im Sinne Lotmans substituierte die Theatralität die politische Realität. Hof und Kaiserin fungierten als Co-Autoren und Medienwächter. Genealogische Fragilität der Dynastie und die Frage der Thronfolge wurden aus dem öffentlichen Raum verdrängt; stattdessen schuf Elisabeths Medienpolitik einen Raum der Verherrlichung, in dem die Untertanen als Zeugen erscheinen konnten.
Damit stellt die Studie einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der "Scenarios of Power" der russischen Autokratie dar. Im Prozess der Adaption der Metastasio-Libretti für das russische Hoftheater verbanden sich zwei semiotische Räume: die Mythologie des europäischen Absolutismus und die russisch-orthodoxe Kultur. Die monarchischen Narrative der Habsburger Libretti wurden zu einer Hofpoetik Elisabeths umgedeutet. Die Implikationen eines Gesellschaftsvertrags zwischen Monarch und Untertanen wurden in den russischen Prologen durch ästhetische Neugestaltung hochallegorisch überschrieben. Dies führt zur Frage nach den Eigenarten der russischen Autokratie (samoderžavie) und ihrem semiotischen System Monarch - Untertan.
Prägnant ist die Feststellung, dass das barocke Legitimationsprogramm Elisabeths ambivalent war und darauf hinauslief, Staat und Volk voneinander zu trennen. Die russischen Adaptionen der metastasianisch-arkadischen Libretti schufen favole pastorali, in denen bukolische Motive nicht bloß Dekorum waren, sondern dezidiert politische Aussagen. Sie entwarfen eine Apologetik des Absolutismus in seiner "absolutesten" Ausprägung. Elisabeth erscheint dabei als hybride Herrscherfigur: als barocker Tyrann und zugleich fürsorgliche Mutter des Volkes. Das Konzept der Liebe galt jedoch nicht dem Volk, sondern einzig dem Staat. Die Verherrlichung Elisabeths war dabei stets mit dem Konzept des Imperiums verbunden, welches wiederum als chozjajstvo (privates Landgut) der Herrscherin verstanden wurde.
Die Widmung des Buches und das im Anhang enthaltene Interview mit der Schauspielerin Julia Aug, die Elisabeth in der russischen TV-Geschichtsserie "Ekaterina" (2014) verkörperte und heute im politischen Exil lebt, führen die Ergebnisse der Studie in die Gegenwart. Dadurch erhält die eigentlich an einen schmalen Spezialisten adressierte Studie Aktualität: Sie verdeutlicht, dass das russische Volk auf der Bühne auch heute wieder als Staffage im Diskurs über die Legitimität des Herrschers erscheint.
Anmerkungen:
[1] Werner Paravicini: Die Arbeit der Anderen. Thesen zur Rekonstruktion höfischer Zeichensysteme in der Frühen Neuzeit. https://www.histsem.uni-kiel.de/de/das-institut-1/forschungsprojekte/projekte/materialen/pd-dr.-jan-hirschbiegel/hahn-schuette-zeichen (aufgerufen am 7.9.2026).
[2] Paul Keenan: St Petersburg and the Russian Court, 1703-1761, Basingstoke 2013.
[3] Lorenz Erren (Hg.): Musik am russischen Hof: Vor, während und nach Peter dem Großen (1650-1750), Berlin 2017.
Alexander Bauer