Armin Nassehi: Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis, München: C.H.Beck 2026, 237 S., ISBN 978-3-406-84639-7, EUR 22,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Micha Brumlik: Antisemitismus. 100 Seiten, Stuttgart: Reclam 2020
Walter Benn Michaels: Der Trubel um Diversität. Wie wir lernten, Identitäten zu lieben und Ungleichheit zu ignorieren, Berlin: Edition Tiamat / Verlag Klaus Bittermann 2021
Eva Illouz: Der 8. Oktober. Aus dem Französischen von Michael Adrian, Berlin: Suhrkamp 2025
Im August 2026 erregte ein Vorgang im Vorfeld der Bayreuther Festspiele die Gemüter. Der deutsch-jüdische Publizist Michel Friedman sollte dort bei einer Gedenkveranstaltung über in der NS-Zeit verfolgte und ermordete Künstler sprechen, wurde aber kurzfristig ausgeladen. Um einen größeren Skandal zu vermeiden, widerrief Katharina Wagner, die die Festspiele leitet, diese Entscheidung und erklärte die Umstände mit einem Missverständnis. Friedman ging in seiner Rede ausführlich auf den tiefsitzenden Judenhass Richard Wagners ein, der als Komponist in der nordbayerischen Stadt allgegenwärtig ist.
Die Einladung Friedmans ist ein Indiz dafür, dass die antisemitische Ideologie Wagners und die Beziehung seiner Familie und Nachfahren zu den Größen des NS-Regimes heutzutage nicht mehr stillschweigend übergangen werden, wie es lange Zeit der Fall war. Dass Wagner ein vehementer Antisemit war, kann nicht mehr verdrängt werden, auch nicht bei den jährlichen Festspielen.
Die Gründe für Richard Wagners Judenhass beschäftigen auch Armin Nassehi in seinem neuen Buch über Antisemitismus. Der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrende Soziologieprofessor nähert sich dem Thema neben Richard Wagner noch über Karl Marx und Carl Schmitt. Die neun Kapitel kreisen um die gesellschaftliche und psychologische Funktion des Judenhasses und die Ursachen für seine Persistenz. Dabei nimmt der Autor "den Antisemitismus dort" in den Blick, "wo moderne Selbstbeschreibungen auf sich selbst stoßen und mit dieser Selbstbezogenheit umgehen müssen" (10).
Der Antisemitismus, so die grundlegende These Nassehis, sage viel über die Antisemiten und die gesellschaftliche Situation aus, aber wenig bis nichts über Juden. Das Ressentiment resultiere vor allem aus einem krisenhaften Selbstverhältnis.
Der Verfasser betont den stark gestiegenen Judenhass seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und weist zugleich auf die tiefen Wurzeln des Antisemitismus in der deutschen Geschichte hin. Er sei kein importiertes Phänomen und finde sich in allen Schichten und politischen Strömungen der Gesellschaft. Der Judenhass von rechts sei noch immer die verbreitetste und gewalttätigste Spielart, allerdings finde sich der israelbezogene Antisemitismus vor allem in der politischen Linken.
Die 1944 verfassten "Überlegungen zur Judenfrage" von Jean Paul Sartre hält Nassehi für einen Schlüsseltext, um die Logik des Antisemitismus zu dechiffrieren. Er mache deutlich, dass das projektive Zerrbild des Juden eine emotionale und psychologische Funktion erfülle. Der Antisemit erschaffe "den Juden" erst aus seinem Ressentiment und verhandele in dieser Projektion sein eigenes Selbstverhältnis (73). Ein derartiger Aushandlungsprozess über die Rolle der Juden in einer Gesellschaft und die Frage ihrer Zugehörigkeit trete vermehrt in Krisen auf. Die Juden entzögen sich der eindeutigen Verortung und verwischten die Grenzen zwischen innen und außen, wie der Autor am Beispiel der Emanzipation der deutschen Juden im 19. Jahrhundert zeigt. Als besonders bedrohlich erschienen den Antisemiten vor allem die völlig assimilierten Juden, weil sie nicht mehr äußerlich erkennbar waren, sich völlig angepasst hatten, aber in antisemitischer Perspektive dennoch niemals zur Nation dazugehören konnten und sollten.
Nassehi diskutiert im folgenden Kapitel unterschiedliche Antisemitismustheorien und geht auf die Debatte über die verschiedenen Definitionen ein, kommt aber immer wieder auf seine grundlegende Hypothese zurück, dass "die Logik des Antisemitismus darin besteht, auf das eigene Selbstverhältnis verwiesen zu werden, letztlich auf die Bedingung der eigenen Möglichkeit" (75).
Zunächst behandelt er Richard Wagners "Das Judenthum in der Musik" von 1850. Dem in der polemischen Auseinandersetzung mit Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn Bartholdy entstandenen Pamphlet komme eine Scharnierfunktion bei der Genese des modernen Antisemitismus zu. Wagner beklage darin den Niedergang der Kultur und den zerstörerischen Einfluss der Juden. Sie besäßen keine authentische Kultur, seien unfähig zur wahren schöpferisch-künstlerischen Tätigkeit und könnten lediglich plagiieren. Von dem angeblich unaufhaltsamen Niedergang der Kultur profitierten sie aber. Primär verarbeite Wagner in der Schmähung der Juden aber, wie Nassehi argumentiert, seine Selbstverortung, seine Entwicklung als Künstler und seine gesellschaftliche Rolle. Er fasst folgendermaßen zusammen: "Wagner steht mit allem für das, was ich hypothetisch ein ungeklärtes Selbstverhältnis genannt habe - und der Jude [...] muss die Leerstelle füllen, die noch fehlt, um ein konsistentes Bild der eigenen Unzulänglichkeit zu zeichnen" (100).
Das nächste Kapitel diskutiert die Ausführungen von Karl Marx "Zur Judenfrage" von 1844. Diese frühe religionskritische Auseinandersetzung mit Bruno Bauer über die Möglichkeit der Emanzipation der Juden unterscheidet radikal zwischen der politischen Gleichberechtigung in der bürgerlichen Gesellschaft und einer universalistischen Emanzipation, die eine Überwindung des Kapitalismus zur Voraussetzung hat. Während die Juden erstere erreichen könnten, müssten sie für letztere ihre jüdische Identität hinter sich lassen.
Auch Marx zeichne ein Zerrbild der Juden. Sie seien nicht etwas völlig Fremdes, Externalisierbares, sondern "ein Symbol für die Störungen des Eigenen" (118). Nassehi hält es für nebensächlich, ob der Text von Karl Marx antisemitisch sei, und verweist auf unterschiedliche Interpretationen. Entscheidend sei vor allem, welche Bedeutung die "Judenfrage" bei Marx für das individuelle und gesellschaftliche Selbstverständnis gehabt habe. Zweifellos biete der Text aber Anknüpfungspunkte für den späteren linken und heutigen postkolonialen Antisemitismus, indem er "das Jüdische als Symbol einer kapitalistischen, westlichen, auf Konkurrenz und Individualismus setzenden Kultur" (129) beschreibe.
Auch im Denken von Carl Schmitt erfüllen die Juden eine zentrale Funktion, so Nassehi. In der Bestimmung des Politischen strebe der Jurist nach einem authentischen Staat, der mehr sein solle als eine reine Hülle. Ein lediglich äußerer, sprich liberal-parlamentarischer Staat sei nämlich in Ausnahmesituationen nicht handlungsfähig und weitgehend wehrlos. Gerade dann zeige sich jedoch das Wesen des Staats, das in der grundlegenden Unterscheidung von Freund und Feind bestehe.
Deshalb kritisierte Schmitt heftig die reine Rechtslehre seines (jüdischen) Antagonisten Hans Kelsen, die auf einen auf Kompromiss beruhenden Verfassungsstaat abzielte. Darin sah Schmitt "eine Degenerationsstufe, die sich im Jüdischen materialisiert habe" (137). Das Jüdische erhalte folglich die Rolle des inneren Feindes und damit gehe es letztlich auch hier wieder um Selbstverhältnisse.
Schließlich fasst Nassehi seine Interpretation nochmals zusammen und bindet sie an die Kontroversen über Judenhass in den letzten Jahren zurück, von der Documenta 2022 über Dirk Moses' postkolonial-antisemitisches Pamphlet über die deutsche Erinnerungskultur bis zur Konferenz in Zürich im Dezember 2025, auf der zu hören war, man könne in der Bundesrepublik seine Meinung nicht mehr frei äußern. Nassehi bezeichnet derartige Selbstbestätigungskonferenzen als "alte[n] linke[n] revolutionsromantische[n] Kritik-Kitsch" (196), der sich gerne in Daueropposition zum Westen und zum herrschenden System wähne. Letztlich werde darin wieder ein Selbstverhältnis verhandelt, das sich unfähig zu einer differenzierten Form der Selbstkritik zeige.
Zum Abschluss synthetisiert Nassehi seine Thesen zur Funktion des Antisemitismus. Dieser strebe stets nach dem Authentischen, wobei das Jüdische externalisiert werde; die Juden würden zum äußeren und zugleich zum inneren Feind stilisiert. Besonders die assimilierten Juden repräsentierten das eigene Fremde. Zusammenfassend formuliert Nassehi: "Der Antisemitismus ist also ein diskursstrategisches Mittel, eine unerreichbare Welt zu erreichen - deshalb ist er unheilbar. Er ist eine so produktive Ressource, dass er offensichtlich immun ist gegen jede Form der Aufklärung. Und das ist es, was seine Besonderheit als Form der Menschenfeindlichkeit ausmacht" (209). Wer den Antisemitismus bekämpfen und sogar überwinden wolle, müsse darauf abzielen, die Sehnsucht nach Authentizität aufzugeben. Ob dies aber erreichbar ist, versieht Nassehi mit einem großen Fragezeichen.
Das hier besprochene Buch unterstreicht vor allem einen zentralen Aspekt: Der Judenhass sagt viel über die Judenhasser und wenig über Juden aus. Der Antisemitismus ist ein projektives Ressentiment, in dem das eigene Selbstverhältnis verhandelt wird.
Diesen Aspekt anhand zentraler Schriften von Richard Wagner, Karl Marx und Carl Schmitt herausgearbeitet zu haben, ist ein Verdienst Armin Nassehis, dessen Buch einen wichtigen Baustein für die jüngere Debatte über Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 darstellt.
Sebastian Voigt