Joseph Skinner / Vicky Manolopoulou / Christina Tsouparopoulou (eds.): Identities in Antiquity (= Rewriting Antiquity), London / New York: Routledge 2025, XXXI + 558 S., 53 s/w-Abb., ISBN 978-1-138-54516-8, EUR 295,00
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Identities in Antiquity ist als Titel für einen Sammelband so weitreichend, dass er jeden Altertumsinteressierten ansprechen dürfte. Indem er einen Kernbegriff kulturhistorischer Debatten der letzten dreißig Jahre ohne weitere inhaltlich-epochale Eingrenzung thematisiert, wirft er die Frage auf, inwiefern Identität als einziger thematischer Fokus einem Sammelband Kohärenz zu verleihen vermag, der 27 Beiträge von der mesopotamischen bis zur byzantinischen Zeit beheimatet.
Die Herausgeber überantworten diese Aufgabe in der ausführlichen Introduction (1-31) vor allem dem Leser, weil sie Diversität inhaltlich und strukturell zum Programm erheben. Genauso wenig, wie man die Beitragenden durch eine Definition von Identität einengen möchte (1-4; 8), soll der Leser bei seiner Lektüre zu einem bestimmten Ansatz gedrängt werden. Die Antwort auf die Frage, wie Identität als Schlüsselkonzept heuristisch einzufangen sei, besteht gerade nicht aus Festlegungen, sondern aus reflektierter, in der Vielzahl der aufgezeigten Möglichkeiten bisweilen redundant wirkender Offenheit. Ziel ist ein möglichst holistischer Zugriff (1; 9): als Monument bisheriger Forschung soll der Band seine Leser fachgrenzen- und epochenüberschreitend inspirieren, um neue Wege der Forschung zu initiieren; daneben soll er neben der präsentierten epochal-thematischen Breite Fragestellungen in den Vordergrund rücken, die bisher noch nicht im Fokus der Fachwissenschaft standen.
Der Band gliedert sich in fünf Teile: Part I: Approaching ancient identities (33-125) eröffnet mit Beiträgen zum Essentialismus (Johannes Siapkas), Eliten-Identitäten im griechisch-ägyptischen Vergleich (Matthew Haysom), Identitäten versklavter Personen (Kostas Vlassopoulos), zu Personennamen (Andreas Gavrielatos), zu Religion in der Stadt (Jörg Rüpke) sowie zu Diversität und Transformation (Elena Isayev) grundsätzliche Perspektiven auf Identität, die sich in den folgenden chronologisch nach Epochen gegliederten Teilen wiederfinden. In Part II: The ancient Near East (127-214) geht es um Gender-Identität in Mesopotamien (Agnès Garcia-Ventura/Saana Svärd), den Zusammenhang zwischen merkantiler sowie religiöser Identität im Anatolien der Mittleren Bronzezeit (Yağmur Heffron/Nancy Highcock), um Identitäten versklavter Personen in Mesopotamien (J. Nicholas Reid), um Exilgemeinschaften in Babylonien (Laurie Pearce) und die Frage, ob man im Falle des antiken Judentums von einer Nation, einem Ethnos oder einer Religion sprechen kann (Erich Stephen Gruen). Part III: The Mediterranean world until the age of the successors (215-352) widmet sich anhand handwerklicher Erzeugnisse kulturellem Wandel im Umfeld der bronzezeitlichen Kykladen (Natalie Abell), phönizischen Identitäten (Carolina López-Ruiz), transkultureller Mobilität anhand von Token (Denise Demetriou), klassisch-griechischem Rassismus (Thomas Harrison), Rassenfragen im Umgang mit athenischen Metöken (Rebecca Futo Kennedy) sowie griechischer Lokalidentität im Spiegel griechischer Lokalgeschichte (Daniel Tober). Part IV: The Roman world: from early republic to late empire (S. 353-427) nimmt römische Aristokratenfamilien zwischen Republik und Kaiserzeit (Gary D. Farney), Identitäten Versklavter in der römischen Welt (Christer Bruun), Identitätskonstruktionen in Alexandria (Kimberley Czajkowski) und Identitäten im römischen Militär (Andrew Gardner) in den Blick. Part V: From Late Antiquity until the Early Middle Ages: Rome, Byzantium and others (429-526) schließlich beschäftigt sich mit Ethnizität und Stützarmfibeln im anglo-sächsischen Bereich (James Gerrard), mit Identität von Hunnen (Hyun Jin Kim), christlicher Identität in der 30. Rede des Libanius (Rebecca Stephens Falcasantos), byzantinischer Nationalidentität (Anthony Kaldellis), Ausgrenzungsstrategien von Päpsten und der Wiedererfindung der Griechen (Clemens Gantner) sowie Gender-, Sexualidentität und Rassifizierung unter Manuel I. Komnenos (Roland Betancourt). Ein ausführlicher Index hilft, das Buch über zentrale Wörter zu erschließen.
Um dem Band über Index und Part I hinaus Zusammenhang zu verleihen, bieten die Herausgeber in ihrer Einleitung ausführliche Inhaltsangaben zu den einzelnen Beiträgen mit Querverweisen auf andere Aufsätze des Bandes. Dabei handelt es sich teilweise um Auflistungen von Querbezügen allgemeiner Art, teilweise um Verweise auf direkte Dialoge zwischen einzelnen Beiträgen. So bezieht sich z.B. J. Nicholas Reid (The identities of enslaved persons in ancient Mesopotamia, 164) explizit auf den Ansatz von Kostas Vlassopoulos (The identities of enslaved persons, 73-89) zur Sklaverei. Die Herausgeber verhelfen also mit den von ihnen angeregten Bezügen dem Band zu einer Kohärenz, die er ansonsten nur partiell und weitgehend indirekt hätte.
Wie neu das Dargebotene ist, muss jeder Fachwissenschaftler für sein eigenes Metier beantworten. Bei einleitenden Anpreisungen wie folgender: "we focus on topics that are perhaps less well understood or have received little attention to date: the curation of elite family identities as well as the experiences of the enslaved, the Roman army" (17) mag man sich fragen, ob Identitätspflege in römisch-elitären Familien wirklich noch untererforscht ist (vgl. dazu Gary D. Farney, Roman aristocratic family identity in the Late Republic and Early Empire, 355-376), wie dies in Bezug auf emische Perspektiven Versklavter in höherem Maße zutrifft (s.o.). Ebenso wenig kann man die zitierte Pauschalaussage zur römischen Armee so unterschreiben. Vor allem könnte man den Herausgebern vorwerfen, mit ihren Zusammenhängen herstellenden Einleitungen zu den einzelnen Parts so zu pauschalisieren, dass die Beschreibungen auf Theorieebene fast austauschbar erscheinen. Am Ende geht es meistens um Identität als Konstrukt, um Identität in ihrer Dynamik, um Identität im Spiegel soziologischer Größen wie Interaktion und Mobilität, agency und Resilienz.
Dabei kennen die Herausgeber gegenüber ihren eigenen Ansprüchen an epistemische Offenheit und postkoloniale Korrektheit keine Kompromisse. Wenn sich ein Beitrag wie derjenige von Anthony Kaldellis (The open secret of Byzantium's national identity, 478-493) dem Grundsatz der Fluidität und Multipolarität von Identität mit dem Verweis auf gesteuerte, auf verbindende und damit einheitliche Identitätskonzepte entzieht, dann heißen sie dies im Sinne einer Diversität von Ansätzen willkommen. Sie selbst klagen sich an, zwar dem Postulat genderausgewogener Beitragender aller Karrierestufen gerecht geworden zu sein, allerdings keine ausgewogene Rassenverteilung erreicht zu haben (8). Damit legen sie selbst ein wissenschaftsgeschichtliches Zeugnis für entsprechende Haltungen ab. Diesbezüglich wird man ihnen nichts vorwerfen. Genauso wenig, wie man Identitäten schichten- und ethnienübergreifend ausgewogen erforschen kann, weil dafür die Quellengrundlage fehlt (15), kann global eine Ausgewogenheit an Forschenden zu Identitätsfragen im eurasischen Raum erzielt werden, weil das Interesse daran unausgewogen verteilt ist.
Wer als Leser den apologetisch verteidigten Ansatz, sich einem grundlegenden theoretischen Konzept zu verweigern und sich stattdessen Diversität als Ausweis von Identität sowie entsprechender wissenschaftlicher Ansätze zu verschreiben (8-9), kritisieren würde, würde sich als diversitätsfeindlich brandmarken. So oder so muss der Leser wissen, dass ihn das Panoptikum an Fragestellungen dieses breit aufgestellten Bandes fordert, wenn er sich durch ihn zu neuen Wegen der Forschung inspirieren lassen will.
Angela Ganter