Lesley Milner: Secret Spaces. Sacred Treasuries in England 1066-1320 (= Art and Material Culture in Medieval and Renaissance Europe; Vol. 23), Leiden / Boston: Brill 2024, XI + 254 S., ISBN 978-90-04-38043-1, EUR 149,80
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Im vorliegendem Band werden die Schatzkammern englischer Kirchen im Zeitraum von der Normannischen Eroberung 1066 bis ins frühe 14. Jahrhundert behandelt. Eingerahmt von Einführung und Zusammenfassung umfasst die Untersuchung neun große Kapitel. Fragen der Terminologie werden im ersten, die für die Entwicklung der Schatzkammern relevanten historischen Kontexte im zweiten Kapitel entfaltet. Die Untersuchung dieser Schatzkammern (oder besser: Schätzhäuser, in Anlehnung an den englischen Begriff treasure houses) folgt dabei einer chronologischen Ordnung.
Ein Schatzhaus (thesaurarium) enthält Räume mit unterschiedlicher funktionaler Zuordnung. Die mittelalterliche Begrifflichkeit ist mehrdeutig und kann das Schatzhaus als Ganzes, lediglich einen einzigen Raum darin oder auch nur den Inhalt, den "Schatz" selbst, bezeichnen. Als unbestritten wichtigster Raum fungiert dabei die Sakristei (sacristia, sacrarium, secretarium), in die das Altarsakrament nach der Messe überführt wurde und die so symbolisch als (durch die Präsenz weiterer Reliquien ausgezeichnetes) Grab Christi galt. Ganz praktisch war sie aber auch der Ort, an dem die liturgischen Geräte nach ihrer Nutzung am Altar gereinigt und die Corporalia (nicht corporas, wie auf S. 18 fälschlich vermerkt) wieder korrekt gefaltet wurden. Da in vielen Kirchen die Sakristei für die Lagerung umfangreicher Bestände an liturgischer Gewandung und Altargerät nicht ausgelegt war, wurde dafür ein zusätzlicher (zumeist angrenzender) Raum verwendet: das vestiarium bzw. revestiarium (englisch: vestry).
Ein Blick in überlieferte Schatzverzeichnisse lässt den zusätzlichen Platzbedarf verständlich werden: Die Kathedrale von Lincoln etwa verfügte über die stattliche Anzahl von 168 Sets an Kaseln und Chormänteln. Zu diesen beiden Räumen konnten ein oder mehrere Schatzräume hinzukommen (gazophylacium) (englisch: treasure rooms). Schatzhäuser dienten auch als Aufbewahrungsort für Urkunden, durch die die Existenz der jeweiligen Institution rechtlich abgesichert wurde, und als Speicher für die Gelder, die für die Bauhütte vorgesehen und gespendet worden waren, also einen durchlaufenden Posten darstellten.
Das Schatzhaus befand sich üblicherweise am östlichen Ende der Kirche, so nah wie möglich am Hochaltar und galt als "locus of the most profound spiritual sanctity [...] worthy of the spiritual treasures it contained" (24). Seit der Spätantike sind solche Bauten nachweisbar, außerhalb der Britischen Inseln vor 1066 etwa in Gestalt der Apostelbasilika des Paulinus von Nola (4. Jh.) oder der Kirche der Gottesgebärerin (Theotokos) am Berg Gerizim bei Nablus, in "occupied Palestinian territories" (28), wie die Autorin meint festhalten zu müssen. Auch auf dem St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert findet sich ein Komplex aus Sakristei und Schatzkammer verzeichnet. Unterstrichen wird völlig zu Recht auch die symbolische Präsenz von in der Bibel erwähnten Schatzhäusern, etwa dem Jerusalemer Tempel oder der Grabeskirche mit ihren Schatzhäusern, die das mittelalterliche imaginaire speisten.
Die Arbeit trennt zwischen denjenigen Schatzhäusern, die monastischen bzw. kanonikalen Gemeinschaften zugehörig waren. Benediktiner platzierten ihre Sakristeien und Schatzkammern zumeist an dem Teil des Querschiffs, der mit den Konventsgebäuden verbunden war. Demonstriert wird dies am Beispiel der Kathedralen von Canterbury, Winchester, Ely und Gloucester. Diese räumliche Positionierung hatte einen großen Vorteil: Die Räumlichkeiten waren gut geschützt und von außen als Schatzhäuser nicht zu identifizieren. Im Bauprozess waren die Sakristeien diejenigen Gebäude, die zuerst entstanden, weil sich die am Hochaltar gefeierte Liturgie schlechterdings nicht ohne sie entfalten konnte.
Im Fall der Kathedralen von Ely und Canterbury löste man sich zwischen 1109-1126 von den strengen benediktinischen und zisterziensischen Vorgaben des späten 11. bzw. frühen 12. Jahrhunderts. Insbesondere das in Canterbury errichtete Schatzhaus stellte einen neuen Bautypus dar. Es befand sich im Nordostturm der Kathedrale, war ebenerdig zugänglich und zusätzlich mit einer Krypta ausgestattet. Das Prinzip des Verbergens wurde aufgegeben: Der Turm war weithin sichtbar und zeugte von den in ihm geborgenen Schätzen. Zwischen 1150-70 wurde dem Schatzturm in Canterbury ein baulicher Annex hinzugefügt ("Above all, it is the exuberance of the decoration of this building that is impressive", 76) - und überzeugend weist die Autorin auf Ähnlichkeiten zwischen dem vestiarium in Canterbury, dem Schatzhaus der Kathedrale von Noyon (1170-80) und dem Goldenen Tor in Jerusalem hin.
Die Schatzhäuser der an den nicht-monastischen Kathedralen wirkenden Regularkanoniker waren als solche für alle erkennbar. Sie wurden nicht nur von der eigenen Kommunität, sondern auch von Besuchern und Pilgern wahrgenommen, und oftmals hob man sie architektonisch besonders heraus. Gezeigt wird dies am Beispiel der Kathedrale von Ripon, die das erste Beispiel für eine Kombination von Sakristei und Kapitelhaus liefert. Langsam entstanden, wie etwa im Fall von Salisbury, auch extravagante Bauten in Form von Oktogonen mit komplizierten Gewölben. Eine herausgehobene Rolle spielt hier das Schatzhaus der Kathedrale von Wells, in dessen Obergeschoss sich der lichtdurchflutete Kapitelsaal befand, während das Untergeschoss, von oben nicht zugänglich, als Schatzkammer fungierte. Extravagant präsentiert sich auch das Schatzhaus der Kathedrale von Lichfield, an ein "metalwork reliquary" (185) erinnernd, das nicht nur über große Fensterflächen, sondern auch über delikat ausgeführte Türme verfügt.
Einen Sonderfall stellt die Abtei von Westminster dar, die unterschiedlichste Funktionen als Benediktinerkloster, Krönungskirche und Königsgrablege erfüllte (die jedoch niemals königliche Palastkapelle war, wie auf S. 148 fälschlicherweise behauptet wird; diese Rolle hatte die St. Stephen's Chapel im Palast von Westminster inne). Die Abtei verfügte über vier verschiedene, räumlich voneinander getrennte Schatzkammern: die Fides-Kapelle (St. Faith's Chapel), die als Sakristei und vestiarium der Kommunität diente; die Krypta des Kapitelhauses, die mit ihren 5,3 Metern dicken Wänden den Eindruck einer "unassailable security" (168) vermittelte; der auf einer Empore des Querschiffs positionierte Muniment Room, in dem die wichtigsten klösterlichen Urkunden aufbewahrt wurden; die sacristaria, ein 27 Meter langes Gebäude, in dem die liturgischen Gewänder verwahrt wurden, die man für die Krönungen und Gedächtnismessen für Mitglieder der königlichen Familie benötigte.
Die reich bebilderte Untersuchung beschreibt und analysiert Räume, in denen "heilige Schätze" aufbewahrt wurden: Sakristeien, Vestries, Schatzkammern. Sie kategorisiert überzeugend und gibt Antwort auf die Frage, weshalb man Schatzhäusern im Laufe der Zeit unterschiedliche architektonische Formen gab. Praktische Gründe waren dafür ebenso ausschlaggebend wie spirituell-symbolische. Deutlich werden die signifikanten Unterschiede zwischen den Schatzhäusern der Mönche und denjenigen der Regularkanoniker. Immer wieder geht der Blick auch über die Insel hinaus auf den Kontinent, wo aussagekräftige Vergleichsbeispiele herangezogen werden. Eine lesenswerte Untersuchung, von der all diejenigen profitieren werden, die sich mit dem englischen Spätmittelalter und der gewichtigen Stellung der Kathedralkirchen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beschäftigen.
Ralf Lützelschwab