Martin Schröter (Hg.): Das hamburgische Waldbuch (1302/1550 bis 1650) (= Quellen und Darstellungen zur Kulturgeschichte Norddeutschlands; Bd. 3), Münster: Aschendorff 2024, 237 S., ISBN 978-3-402-27228-2, EUR 44,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Bereits seit dem 13. Jahrhundert erwarb die Stadt Hamburg in ihrem näheren und weiteren Umland aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen Grundbesitz und Rechte, einerseits wegen der Einnahmen, andererseits um ihre Handelswege zu sichern und dort politischen Einfluss auszuüben, insbesondere auf dem wichtigen Handelsweg Richtung Lübeck an der Ostseeküste. Mit der rasch wachsenden Stadt gewannen diese Besitzungen seit dem 16. Jahrhundert als Einnahmequelle, zur Versorgung der Stadtbevölkerung sowie als Wasserreservoir für den Mühlenbetrieb zunehmend an Bedeutung. Zu diesem Besitz gehörten die im 14. und 15. Jahrhundert erworbenen sogenannten Walddörfer im Nordosten, zwischen 15 und 20 Kilometern entfernt. Ihr Name entstand als Abgrenzung zu den benachbarten, auf Rodungsland errichteten Dörfern und drückt auch ihre Bedeutung für die Holzversorgung der Stadt aus. Die Verwaltung dieser städtischen Grundherrschaft wurde - wie in den anderen hamburgischen Landgebieten - von einem Senator ausgeübt, dem vor Ort Bauern- und Waldvögte unterstanden. Er verwaltete auch die dortigen Abgaben und war als Gerichtsherr bei Streitfällen zuständig.
Um die Verwaltung dieser Herrschaften effizienter zu gestalten, wurde im 16. Jahrhundert das hier edierte Waldbuch angelegt, das mit Rückgriffen bis in das frühe 14. Jahrhundert wichtige Regelungen und rechtliche Vereinbarungen enthält. Mehrere Redakteure verzeichneten zwischen 1543 und 1650 (mit Nachträgen bis 1669) vor allem, welche Rechte Hamburg als Grundherr in den Dörfern hatte und beanspruchen durfte. Damit finden sich darin vertraglich gesicherte Rechte sowie aufgrund von Streitfällen in der alltäglichen Praxis entschiedene Problemfälle mitunter detaillierter Art. Das Original dieses Waldbuchs ist wie so viele wichtige Archivbestände im großen Hamburger Brand von 1842 vernichtet worden, es gibt jedoch ältere Abschriften und Auszüge, aus denen der Herausgeber den Inhalt rekonstruiert hat. So werden in dem Buch unter anderem ausführlich die Grenzen der betreffenden Dörfer Farmsen, Berne, Volksdorf und Wohldorf, Ohlstedt, Groß-Hansdorf und Schmalenbeck anhand ihrer besonderen Kennzeichen wie Bachläufe und Flurnamen beschrieben, weil es dazu immer wieder zu Streitfällen kam und diese durch Umritte geklärt wurden. Dabei werden auch Bewuchs und Bodenqualitäten wie Waldarten, Äcker, Wiesen oder Sandböden erwähnt.
Es geht bei den immer wieder ergänzten Eintragungen im Waldbuch um Einnahmen und Abgaben, die Stellung der Hufner und Kätner, deren Rechte und Pflichten sowie um Strafen, wenn diese nicht eingehalten wurden. Geregelt wurden die Jagd und der Tierfang, auch von Vögeln. Ebenso wichtig waren die Gewässer in der Region für die Teichwirtschaft, den Betrieb von Mühlen sowie die schiffbaren Gewässer wie der Alster-Trave-Kanal, der unterhalten und dessen Schleusenwärter entlohnt werden mussten. Für die Schiffe, die den nahen Stecknitzkanal zwischen der Trave - also Lübeck - und der Elbe befuhren, gab es Regelungen für deren Größe, da nicht alle die Alster befahren konnten.
Die zahlreichen Aufzeichnungen im Waldbuch bilden eine interessante Quelle, um sich den Lebensverhältnissen der Dorfbewohner in dieser Region zu nähern; neben den rechtlichen Regelungen bei Grenzkonflikten oder den verschiedenen Formen von Geld- und Naturalabgaben gehören dazu zum Beispiel auch Informationen darüber, welche Bewohner welcher Dörfer wo die Kirche besuchten. Ansonsten spielen kirchliche Belange und auch sprachliche Bezüge zum Christentum, wie man sie in anderen Quellen dieser Zeit noch findet, in diesen nüchtern-praktischen Aufzeichnungen keine Rolle. Wichtig sind dagegen Aufzeichnungen darüber, welche Hofstellen nicht besetzt oder verlassen waren, denn gerade Ereignisse wie der Dreißigjährige Krieg zeigten auch hier ihre Auswirkungen. Wirtschaftlich hatten neben den sieben Dörfern auch vier Gutsbetriebe eine Bedeutung, sie wurden in repräsentativen Wohngebäuden allerdings von wohlhabenden Hamburger Bürgern bewohnt und betrieben; adliger Einfluss findet sich in diesem hamburgischen Besitz nicht.
Martin Schröter stellt seiner Edition eine ausführliche Einführung voran (13-56), in der er die Überlieferung, Funktion und Bedeutung dieser Quelle kenntnisreich beschreibt und einordnet. Sehr hilfreich sind die Register mit weiterführenden Informationen zu den Personen, Orts- und Gewässernamen und sogar zu Sachbegriffen. Im Anhang werden neben den benutzten Quellen vier ergänzende Urkunden des 15. Jahrhunderts zur Verpfändung der Dörfer an Hamburg ediert sowie die im Text genannten Amtspersonen tabellarisch erfasst, also die hamburgischen Waldherren, Jäger und Waldvögte sowie die Amtsleute, Amtsschreiber und Vögte der benachbarten holsteinischen Ämter. Etwas mehr bibliografische Einheitlichkeit wäre beim Literaturverzeichnis angebracht gewesen. Die Titel der 13 über die Kapitel verteilten Karten von Günther Bock muss man erst im Anhang nachschlagen.
Die Edition des Waldbuches bietet nicht nur wichtiges Quellenmaterial zur Geschichte der genannten Dörfer über einige Jahrhunderte, sondern verdeutlicht anschaulich die Herrschaftspraxis Hamburgs über sein Landgebiet. Sie ist umso verdienstvoller, als der Besitz Hamburgs außerhalb seiner Mauern ebenso wie die Beziehungen der Stadt zum Umland noch kaum erforscht sind, für die wachsende Stadt aber historisch ausgesprochen wichtig waren.
Ortwin Pelc