Laura Hindelang: Iridescent Kuwait. Petro-Modernity and Urban Visual Culture Since the Mid-Twentieth Century, Berlin: De Gruyter 2022, 261 S., 67 Farb-, 29 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-071466-1, EUR 39,00
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Dennis Pohl: Building Carbon Europe (= Critical Spatial Practice; 13), Berlin: Sternberg Press 2023, 320 S., 43 Farb-, 44 s/w-Abb., ISBN 978-1-915609-01-4, EUR 17,95
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Marina Stalljohann-Schemmel: Stadt und Stadtbild in der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main als kulturelles Zentrum im publizistischen Diskurs, Berlin: De Gruyter 2016
Grit Heidemann / Tanja Michalsky (Hgg.): Ordnungen des sozialen Raumes. Die Quartieri, Sestieri und Seggi in den frühneuzeitlichen Städten Italiens, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2012
Anna Leone: The End of the Pagan City. Religion, Economy, and Urbanism in Late Antique North Africa, Oxford: Oxford University Press 2013
Walter D. Ward: Near Eastern Cities from Alexander to the Successors of Muhammad, London / New York: Routledge 2020
Rinse Willet: The Geography of Urbanism in Roman Asia Minor, London / Oakville: Equinox Pub. Ltd. 2020
Julia Rombough: A Veil of Silence. Women and Sound in Renaissance Italy, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2024
Robin Schuldenfrei: Luxury and Modernism. Architecture and the Object in Germany 1900-1933, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2018
Wolfgang Pehnt: Städtebau des Erinnerns. Mythen und Zitate westlicher Städte, Ostfildern: Hatje Cantz 2021
Die Bücher von Laura Hindelang und Dennis Pohl widmen sich zwei unterschiedlichen Themen, sie setzen sich jedoch mit einer gemeinsamen Problematik auseinander: Mit Öl und Kohle werden zwei fossile Rohstoffregime untersucht, deren Ausbau die gebaute Umwelt massiv veränderte, die Lebensstile bestimmte und die jeweils von bildpolitischen Strategien flankiert waren. Beide Publikationen reihen sich ein in das Untersuchungsfeld einer von der Ökologie und dem Ressourcenkonsum perspektivierten kunst- und architekturhistorischen Forschung, die sich mittlerweile an vielen kunsthistorischen Instituten und außeruniversitären Forschungsinstitutionen etabliert hat. Gefragt wird im Wesentlichen aus zwei Richtungen: Im Rahmen des Ecocriticism wird die Kunstproduktion der Gegenwart, die sich mit Umweltthemen befasst, in den Blick genommen. [1] Darüber hinaus sind auch die aktuellen Medienkulturen zum Gegenstand der Kunstgeschichte geworden und werden auf ihren ökologischen Niederschlag hin untersucht. [2] In einer zweiten Perspektive geht es, wie in den hier anzuzeigenden, jeweils aus Dissertationen hervorgegangenen Büchern, um die Analyse von historisch zurückliegenden Prozessen der Ressourcenausbeutung und um deren Rolle für die materielle und ästhetische Formung der Umwelt. Es bedarf kaum des Hinweises, dass die Arbeit an diesen kunstgeschichtlichen Fragestellungen und an der jeweiligen Gegenstandsanalyse ohne eine interdisziplinäre Integration schlechterdings nicht denkbar ist. Dies betrifft den Rekurs auf naturwissenschaftlich-ökologische Daten ebenso wie die historische Einbindung in ökonomische, politische und soziale Prozesse. Es sollen nur zwei überaus erhellende Untersuchungen ergänzend genannt werden, die aus der Perspektive der historischen Forschung die Themen der Monografien von Hindelang und Pohl unmittelbar angehen. Sie fragen auf der einen Seite nach dem Zusammenhang von Ressourcenkonsum und gesellschaftlichem Wertewandel sowie nach den Folgen der Arbeitsorganisation bei der Ressourcenausbeutung für die Demokratieentwicklung. [3]
Thema des Buches von Laura Hindelang ist die Entwicklung des Stadtstaates Kuwait und die Visualisierung von dessen Ölförderung. Kuwait kann als beispielhaft für analoge Prozesse in anderen Staaten der Golfregion und der arabischen Halbinsel gelten. Dies betrifft unter anderem die enge historische Verflechtung zwischen staatlich dirigiertem Kolonialismus und der von Firmenmonopolen gelenkten Ressourcenausbeutung. Kuwait war neben einem weiteren Dutzend kleinerer Emirate in der Region ein britisches Protektorat. Die industrielle Rohstoffausbeutung, die mit der Entdeckung ergiebiger Ölfelder 1938 begann, wurde von der Anglo-Persian Oil Company, aus der British Petroleum (BP) hervorging, kontrolliert. Im Jahr 1961 erlangte Kuwait die volle Souveränität, und die Herrscherfamilie übernahm als Magnat monopolistisch die Erdöl- und Gasförderung. Hindelang stellt diese sich wie im Zeitraffer vollziehende Geschichte als vielschichtigen Prozess staatlicher, baulicher und visueller Transformation dar. Auf den Ebenen der realisierten und der verbildlichten Bauten wird herausgearbeitet, wie von den Kolonialherren und dann von den Eliten vor Ort die Transformation unter den ideologischen Vorzeichen der technologisch-industriellen und der gesellschaftlichen Modernisierung propagiert wurde. Hindelang nimmt den historischen Faden in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf, als Kuwait im Herrschaftsverband des Osmanischen Reiches und nach dessen Zerfall noch ein Schlupfwinkel für Piraten war und Handel im Wesentlichen aus der Perlenfischerei bestand, und erzählt die Geschichte der Petro-Modernity weiter bis zum Ersten Golfkrieg, also der Invasion des Irak in Kuwait und deren Niederschlagung durch die US-amerikanische Militärintervention von August 1990 bis Januar 1991.
Im Verlauf der Lektüre wird schnell klar, dass man es bei Hindelangs insgesamt eher spärlich illustrierter Studie mit einer entschieden bildwissenschaftlichen Auseinandersetzung zu tun hat. Die Stadtentwicklung und der Infrastrukturausbau von Fördertürmen, Raffinerien, Pipelines und Hafenterminals werden weitgehend aus der Perspektive der Verarbeitung dieser gebauten Wirklichkeiten in den Bildmedien dargelegt. Dies geschieht in einer kritisch distanzierten Weise, indem für die unterschiedlichen Medientypologien jeweils deren mediale Eigengesetzlichkeiten ausführlich bedacht werden. Die frühen Maßnahmen des Stadt- und Landesausbaus seitens der britischen Planer basierten seit den 1920er Jahren auf der Luftbildfotografie und auf Militärkarten. Hindelang zeigt für beide Bildtypologien, dass sie der Enthistorisierung und einer die bestehenden Grundstückrechte neutralisierenden, visuellen Enteignung des Territoriums zuarbeiteten. Diese Okkupationsstrategien setzen sich in den nach dem Zweiten Weltkrieg realisierten Masterplänen fort. In dieser ersten Hochzeit des Petro-Modernism der 1950er bis zu den frühen 1970er Jahren, die historisch durch die politische Durchdringung von britischer Verwaltung, Londoner Firmenpräsenz und beginnender Souveränität geprägt ist, diente die Ideologie von Modernisierung und Modernität als ein Leitprogramm, das auch für die Bildmedien verbindlich war. Hindelang untersucht dies anhand von fotografisch illustrierten Zeitschriften- und Buchpublikationen sowie an thematisch einschlägigen Fotoserien. Hier widmet sie sich insbesondere den Industriefotografien des englischen Fotografen Adolf Morath (1905-1977), der erstmals die Stadt- und Infrastrukturszenerien in Farbaufnahmen ins Bild setzte und damit die glitzernde Modernität der Autos, Tankstellen, Hotel- und Behördenneubauten auch technisch äquivalent sichtbar machte. Motivisch bildeten diese Aufnahmen unverzüglich einen Pool von Referenzen für die Briefmarken, die in der Kolonialzeit und in der Ära der frühen Unabhängigkeit in Umlauf gebracht wurden und den Förderturm zum populären Emblem des Landes machten. Hindelang fragt immer wieder nach Abweichungen von diesen offiziösen Bildwelten, findet auch einzelne Belege für die Dokumentation von Altbauten und deren Abriss, hat jedoch insgesamt zu konstatieren, dass das professionelle Wissen, das vor Ort vorhanden war, bei den Planungen ebenso marginalisiert war wie die skeptischen Bildkommentare zur Modernisierungsideologie. Auf breiterer Front durchkreuzt wurde das Bild der Modernitätsaffirmation spätestens durch die Zerstörungen des Ersten Golfkrieges, für den sich Hindelang die Fotografien von flächendeckenden Ölverseuchungen und von brennenden Fördertürmen vornimmt. Die Bildwelten der Krise von Modernisierung und Umwelttechnisierung nehmen dann auch Einfluss auf die zeitgenössische Kunst in Kuwait. Ihr widmet sich Hindelang im letzten Abschnitt ihrer Studie anhand einzelner Werke, für die nun die früheren Versprechungen der Petro-Modernity fragwürdig geworden sind.
Hindelang entfaltet - der Titel des Buches kündigt es an - das Argument, dass man es bei den Visualisierungen des Ölregimes mit einer Ästhetik des Irisierens zu tun hat. Das Wort umschreibt zunächst ein regenbogenartiges optisches Farbenspiel an der Oberfläche bestimmter Stoffe, wie es etwa auch bei einem Ölfilm auf dem Wasser oder der Straße zu sehen ist. Begriff und Argument dringen jedoch tiefer vor: So hebt für Hindelang der Sachverhalt des visuellen Schimmerns darauf ab, dass Ölausbeutung und Ressourcenkonsum vor allem in einer medialen Verschiebung wahrnehmbar werden. Bleiben die Materie des Erdöls und auch Realitäten von Förderung, Transport und Verarbeitung weitgehend im Verborgenen, so bestimmen die Erdölprodukte umso mehr unsere Lebenswirklichkeit durch die Automobilität ebenso wie durch die Allgegenwart der aus Öl hergestellten Verarbeitungsprodukte - dazu zählen Plastikgegenstände jedweder Art, Asphalt, Fahrzeugreifen, elektrische Geräte, Kosmetik, Textilien, Medikamente. Lässt man solche Artefakte in ihrer ganzen Palette Revue passieren, so wird auch deutlich, dass das Erdöl und dessen Verarbeitung einer vibrierenden Ästhetik der Oberflächen zur Durchsetzung verholfen hat. In diesem weiter aufgespannten Argumentationszusammenhang erweist sich der Begriff des Irisierens als eine überzeugende Kategorie nicht nur für das Verständnis von Ölregimen, sondern auch für die technisierte Lebenswelt der Gegenwart.
Von Iridescent Kuwait zu Building Carbon Europe - das bedeutet vom nahöstlichen, monarchischen Stadtstaat zur europäischen supranationalen Organisation, vom Öl zu Kohle und Atom, von der Bildwissenschaft zur architectural criticism. Die Studie von Dennis Pohl verschafft sich mit ihrer Buchästhetik und mit ihrer Argumentation einen eleganten Auftritt. Im Format eines Reclam-Heftchens handelt es sich um einen zügig argumentierenden Essay, bei dem der Text und die abundanten Bildersequenzen parallel nebeneinander laufen. Den stilbewussten Zuschnitt des Buches kann man getrost darauf verbuchen, dass es sich um die Publikation eines Architekten handelt. Dementsprechend hält sich die Studie auch methodisch an die Paradigmen der neueren, von Architekt:innen erarbeiteten Architekturgeschichtsschreibung. Architektur gilt in ihr, kurz gesagt, als ein System der Objektivation politischer Machtausübung, das primär in seinen institutionellen Bedingungen eruiert wird. Der Einzelbau gilt ästhetisch wenig, sondern zählt vor allem innerhalb einer Belegkette. Unter diesen methodischen Voraussetzungen widmet sich Pohl der supranationalen Organisation des Kohleregimes während der Gründungsphase der europäischen Einigung in den Nachkriegsjahrzehnten.
Bei der dem Text vorangestellten Bildserie des Foto- und Filmkünstlers Armin Linke geht der Blick in die menschenleeren Räume von heutigen EU-Institutionen. Die im engen Bildausschnitt eingefangenen Interieurs, deren Wände formatfüllend aus Digitalbildschirmen bestehen, eröffnen mit der anonymen, technologisch verdichteten Kommunikation ein Grundthema von Pohls Studie. Die Architektur wird dabei als integraler Bestandteil dieses umfassenden Medienverbundes verstanden. Der Text setzt ein mit der Rekapitulation der Diskussion über eine europäische Hauptstadt. Favorisiert wurde in den Anfangsjahren des europäischen Einigungsprozesses Saarbrücken innerhalb eines neutralen Saarlandes. Der Bezeichnung als Montanhauptstadt Europas lässt keinen Zweifel daran, dass die Stadt nicht nur in einer der seinerzeit leistungsfähigen Kohle- und Stahlregionen angesiedelt sein sollte, sondern dass sich zunächst auch das europäische Einigungsvorhaben als Energieverbundprojekt verstand. Ambitionierte, von der internationalen Architektenschaft erarbeitete Masterpläne für Stadt und Region sowie eine 1954 organisierte Architekturausstellung sind Ergebnis dieser Planungsanstrengungen. Ihr vereinzeltes Monument ist heute noch das modernistische Scheibenhochhaus, das als französische Botschaft in Saarbrücken errichtet wurde. Das Projekt einer europäischen Hauptstadt scheiterte, wie Pohl nachzeichnet, an einer Fülle von historischen Kontingenzen, die neben den politischen Alternativen einer - heute bestehenden - Dezentralisierung der europäischen Institutionen auch die Energiewirtschaft betreffen. Die Suezkrise 1956 und der Ausbau der Atomenergiewirtschaft führten vor Augen, dass mit Öl und Uran weitere Energierohstoffe in die Planung des europäischen Wirtschaftsraumes einzubeziehen waren und dass dies insbesondere das Festhalten an den alten kolonialen Besitzständen der europäischen Staaten in Afrika voraussetzte.
Die Weltausstellung, die im Sommer 1958 in Brüssel ausgerichtet wurde, bildet in Pohls Studie, wenn man so will, ein Energiezentrum, in dem sich die Interessenlagen von Politik, Energiewirtschaft und Bauindustrie bündelten. Dies geschah einerseits nach den Römischen Verträgen des Jahres 1957, in denen die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) geregelt wurde, und andererseits in der Endphase des europäischen Kolonialismus vor dem Zenit der weltweiten Dekolonialisierung 1960. In den Weltausstellungsbauten manifestieren sich diese komplexen Verflechtungen in einer überraschend unvermittelten Weise. So werden die auf der Expo propagierten Stahl- und Aluminiumbauten, deren Herstellung bekanntermaßen ungeheuer ressourcen- und energieintensiv ist, von Pohl als Bausteine einer Aktion gelesen, die den beteiligten Industrien Europas die Wertschöpfung und die internationalen Absatzmärkte sichern sollte. Pohls Kapitel zeichnet die weitere Konjunktur des Stahlbaus bis in die Gegenwart nach und stellt so heraus, in welcher Weise bis heute die technischen Faszinationen mit absurd anmutenden Energiebilanzen erkauft sind.
Dem Carbon Europe der alten Montanindustrien von Kohle und Stahl, die sich mit dem Aluminium neue Baumaterialien erschlossen, rückte auf der Expo in Brüssel die Atomindustrie an die Seite. Ihr Wahrzeichen ist das berühmte Atomium, das als Ausstellungs- und Aussichtsturm bis heute existiert und dessen Form sich der Vergrößerung und Übereckstellung einer Eisen-Elementarzelle verdankt. Zu Füßen des technisch avancierten Symbolbaus spielte sich während der Weltausstellung die düstere Szenerie des village indigène ab, in dem in der Art einer Völkerschau Menschen aus dem Kongo in Bambushütten der Besucherschaft vorgeführt wurden. Die 1960 von Belgien unabhängig gewordene Republik Kongo ist bis heute eines der größten Uranabbaugebiete der Erde. Atomium und village indigène sollten eine zivilisatorische Differenz vor Augen führen, die zugleich die Ressourcenausbeutung im Kongo legitimierte.
Die Studien von Laura Hindelang und Dennis Pohl verdeutlichen, dass das Anthropozän in der Kunst- und Architekturgeschichte angekommen ist, und sie belegen, dass es mittlerweile gelingt, das Themenfeld von Ressourcenextraktion und Ressourcenkonsum auf der einen Seite in angemessener historischer Tiefe zu erkunden und es auf der anderen Seite methodisch überzeugend durch kritische Distanz zu politisieren. Beide Bücher werfen einen Blick zurück, doch nichts daran ist nostalgisch, im Gegenteil. Denn alle gesellschaftlich-politischen Anstrengungen, den in den beiden Studien geschilderten Rohstoffregimen zu entkommen, bleiben in der Gegenwart weiterhin prekär, und ihr Erfolg ist alles andere als ausgemacht. Hindelang und Pohl geben zu bedenken, dass die irrationale Renitenz des bisherigen Ressourcenkonsums, wie er sich in der Technosphäre der Bauten, Produkte und Bilder niederschlägt, auch auf der ästhetischen Stabilisierung der Energieregime gründet.
Anmerkungen:
[1] Als aktuelle Übersicht: Robert Fleck: Kunst und Ökologie, Wien 2023.
[2] Verwiesen sei auf die von Wolfgang Ullrich herausgegebene, seit 2019 im Wagenbach Verlag erscheinende Buchreihe Digitale Bildkulturen, in der mittlerweile über zwei Dutzend Bände vorliegen.
[3] Timothy Mitchell: Carbon Democracy. Political Power in the Age of Oil, London 2011; Ian Morris: Foragers, Farmers, and Fossil Fuels. How Human Values Evolve, New York / Oxford 2015.
Dietrich Erben