Rezension über:

Susanne Gaensheimer / Isabelle Malz / Anke Kempkes (Hgg.): Queere Moderne: 1900 - 1950, München: Hirmer 2025, 304 S., Diverse Farbabb., ISBN 978-3-7774-4588-5, EUR 49,90
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Rezension von:
Barbara Paul
Institut für Kunst und visuelle Kultur, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg
Redaktionelle Betreuung:
Henry Kaap
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Paul: Rezension von: Susanne Gaensheimer / Isabelle Malz / Anke Kempkes (Hgg.): Queere Moderne: 1900 - 1950, München: Hirmer 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/04/40823.html


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Susanne Gaensheimer / Isabelle Malz / Anke Kempkes (Hgg.): Queere Moderne: 1900 - 1950

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Was ist eigentlich queere Moderne? Diese Frage mögen sich Besuchende von Queere Moderne 1900-1950 in der Kunstsammlung NRW - K20 in Düsseldorf gestellt haben. Die Ausstellung und der umfangreiche, sorgfältig gestaltete Katalog mit hochwertigen Abbildungen bieten die bereichernde Möglichkeit, sich mit über 130 künstlerischen Positionen von 34 Künstler*innen zu beschäftigen. Gerahmt von einem Prolog (I) und Epilog (VIII) werden die Arbeiten sechs, mal inhaltlich, mal kunsthistorisch-klassifizierend konturierten Kapiteln zugeordnet, ohne streng chronologisch vorzugehen, was Sinn macht: II Modernes Arkadien, III Sappische Moderne, IV Surreale Welten, V Queere Lesarten von Abstraktion, VI Queere Avantgarden und intime Netzwerke, VII Queerer Widerstand seit 1933. Präsentiert werden bekannte(re) Arbeiten, etwa von Gluck, Lotte Laserstein und Jeanne Mammen, aber auch bislang wenig(er) zugängliche, etwa von Richmond Barthé, Pavel Tchelitchew und Gerda Wegener. Eine Fülle spannender Exponate nach Düsseldorf gebracht zu haben, ist das große Verdienst von Susanne Gaensheimer (Direktorin), Isabelle Malz (Kuratorin) und Anke Kempkes (Gastkuratorin). Dies gilt es im Kontext aktueller rechtspopulistischer und -extremistischer Anfeindungen von queer/end/en Leben sowie entsprechender Kunst und Forschung positiv hervorzuheben, ebenso wie das "Bestreben, fortwährend neue und visionäre Perspektiven" (9) zu erarbeiten und sich "gegen jegliche Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung zu positionieren" (17).

Wie wird im Einzelnen argumentiert? Die Kapitel II bis VII werden im Katalog [1] mit thematisch passenden Aufsätzen der Kuratorinnen und von Gastautor*innen kombiniert. So schreibt etwa zu II Jonathan D. Katz über "künstlerische Moderne und Homosexualität" (43), zu III Diana Souhami über "Lesben und Moderne" (76) (zu) stark biografisch motiviert, zu IV Anke Kempkes über "Figuration" und "queere Abstraktion" (155) und zu VII Isabelle Malz pointiert über "Kompliz*innenschaft" (253) im antifaschistischen "queeren Widerstand seit 1933" (218, auch mit Hannah Höchs wichtiger Arbeit Flucht, 1932, 239). In gebotener Kürze möchte ich auf zwei, für die Ausstellung zentrale Konzepte eingehen, die meines Erachtens verstärkt weiter zu beforschen sind: A) "Moderne" und den "Beitrag queerer Künstler*innen" (9) und B) "queer".

A): Aufgrund der Verwobenheit von ästhetischen Praktiken und politischen Vorstellungen ist Moderne bekanntlich eng mit Wissensproduktion und -vermittlung disziplinär, kontextuell und politisch-interessegeleitet verknüpft. In der Ausstellung wird die Begrenzung von Moderne auf die Jahre 1900-1950 inhaltlich nicht begründet; offenbar wurde einfach ein halbes Jahrhundert gewählt. Gängige, aber vermehrt als überholt angesehene Paradigmen der Moderne hätten mitunter grundlegender hinterfragt oder auch mal von vornherein verworfen werden können, um die "queere Moderne" der 'Moderne' (welcher? warum?) nicht nur additiv hinzuzufügen und vor allem auch die institutionellen Verstrickungen von Kunstgeschichte und Museen in die (auch kolonialistisch motivierten) Kanonisierungsprozesse zu problematisieren - eine Moderne, die oft cis-männlich, patriarchal, misogyn, rassistisch, klassistisch, LGBT*IQA+-feindlich argumentiert. Als Ausgangspunkt wird mitunter die Subjektposition von Künstler*innen gewählt, um dann "die Politik der Selbstdarstellung" als "Mittelpunkt ihres Kunstschaffens" (9) herauszustreichen. Dies ist eine auf Vorannahmen basierende Herangehensweise, die strukturell auf das lange Zeit bevorzugte männliche Künstlersubjekt rekurriert. Auch wird auf Magritte und Max Ernst verwiesen (13), um 'Qualität' zu begründen - ein stereotypes Verfahren in Kunstkritik und -geschichte, was noch nie wirklich überzeugen konnte. Mit Malerei als dominantem Medium wird ein weiteres hierarchisierendes Moderne-Paradigma wenig hinterfragt. Eine größere Anzahl an Fotografien wäre geeignet gewesen, um die vorrangig in diesem Medium artikulierten Prozesse von Gemeinschaftlichkeit stärker zu thematisieren. Gut ist, dass auch kollaborative Buchprojekte, etwa von Claude Cahun / Marcel Moore, Aveux non Avenus (1930, 222-227), gezeigt werden. Ein intensiviertes queer*ing von Kunstgeschichte [2] ist dringlicher denn je. Dabei sollte dem Spekulativen (Hartman) [3] im Kontext des Imaginären ein größeres Gewicht zukommen, um der Unsichtbarmachung queer/end/er Kunst, Geschichte und Leben sowie vermeintlich gültiger Normativitäten und Normalisierungen entgegenzutreten.

In Kapitel VI bespricht Tirza True Latimer die Idee von Moderne als "exzentrisch" und "Eigenschaft, von der Norm abzuweichen oder nicht im Zentrum zu stehen" und bezieht sich damit auf ein in Kunstkreisen "toleriertes, geradezu erwartbares Attribut" (199). Dies ist geschickt, auch wenn die hierarchische Dichotomie von Zentrum und Peripherie oder Randständigkeit bestehen bleibt. Über den Katalog hinausgehende Überlegungen etwa zur Radikalität von Modernen mit gleichberechtigten künstlerischen Positionen gilt es vermehrt zu diskutieren. [4] Auch die Frageperspektive von "Perverse Modernities" ist vielversprechend, da historischen Narrativen, Epistemologien und Ungerechtigkeiten widersprochen wird: "Perverse Modernities transgresses modern divisions of knowledge that have historically separated the consideration of sexuality, and its concern with desire, gender, bodies, and performance, on the one hand, from the consideration of race, colonialism, and political economy, on the other, in order to explore how the mutual implication of race, colonialism, and sexuality has been rendered perverse and unintelligible within the logics of modernity." [5]

B): Das Konzept "queer" - oder queerness und queer*ing - wird auffällig wenig erörtert; ein Arbeitsbegriff findet sich nicht. [6] Zudem wird zwischen queer als Selbstbezeichnung (wie in unserer Zeit) und Fremdzuschreibung (wie im frühen 20. Jahrhundert) nicht konsequent unterschieden. Machbar wäre gewesen, zumindest einige Zitate (ähnlich wie die den acht Kapiteln vorgeschalteten) vorzuschlagen. Ich denke etwa an: "Queer, not as being about who you're having sex with - that can be a dimension of it - but queer, as being about the self that is at odds with everything around it and has to invent and create and find a place to speak and to thrive and to live." (hooks 2014) [7] oder: "QUEERING ist eine Praxis, die Sprache und Bilder nutzt, um die Herrschaft der Normalität zu unterbrechen. Was selbstverständlich war, wird fragwürdig. Queering lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass das scheinbar Normale von Begehren durchzogen ist, die weder den bekannten Pfaden folgen noch bestehende Machtverhältnisse bestätigen." (Engel 2016) [8]

Fazit: Präsentiert werden vieldimensionale Themen und wichtige künstlerische Positionen, denen weitere Forschungen entsprechend "queer orientations" (Ahmed) [9] zu wünschen sind. Denn es geht nicht so sehr um einen queeren Beitrag zur 'Moderne', sondern darum, diese als kunsthistorisches Konzept herrschafts-, system-, normalitäts- und geschlechterkritisch zu problematisieren. Kunstwissenschaft sollte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft queerende "potentialities" (Muñoz) erarbeiten. [10] Diese gilt es in Bewegung zu halten und mit Theorien von Zeitlichkeiten, räumlichen Möglichkeitsbedingungen und infrastrukturellen Konstellierungen zu verflechten - gemäß den künstlerischen Argumentationen, Imaginationen und Affizierungen sowie für ein queerendes Denken, Fühlen und Leben.


Anmerkungen:

[1] Zur Ausstellung siehe sehr fundiert: Jo Ziebritzky: Wie kann 'queere Moderne' erzählt werden? Rezension der Ausstellung Queere Moderne 1900 bis 1950, in: 21: Inquiries into Art, History, and the Visual 6,4 (Dezember 2025), 563-578, DOI: https://doi.org/10.11588/xxi.2025.4.114590; Susanne Huber: Rezension zu: Queere Moderne: 1900 bis 1950, in: ArtHist.net, 6.1.2026, https://arthist.net/reviews/51237.

[2] Vorschläge in Barbara Paul: What is queer today is not queer tomorrow. Die Installation Ahnen (2014) von Ins A Kromminga und queering Kunstwissenschaft, in: Lisa Hecht / Hendrik Ziegler (Hgg.): Queerness in der Kunst der Frühen Neuzeit?, Wien / Köln: Böhlau 2023, 37-58, 38-42.

[3] Siehe Saidiya Hartman: Wayward Lives, Beautiful Experiments: Intimate Histories of Riotous Black Girls, Troublesome Women, and Queer Radicals, New York: W. W. Norton 2019.

[4] Jüngst in Radikal! Künstlerinnen* und Moderne 1910-1950, hgg. von Stella Rollig / Stephanie Auer / Andrea Jahn, Arnhem / Saarbrücken / Wien 2025.

[5] Siehe die gleichnamige Buchreihe: https://dukeupress.edu/series/perverse-modernities-a-series-edited-by-jack-halberstam-and-lisa-lowe.

[6] Im Glossar (als Teil der Pressemappe) heißt es zu 'QUEER' knapp: "Ein Überbegriff für Menschen, deren Geschlechtsidentität, Begehren oder Lebensweise nicht cisgender und/oder heterosexuell ist" (16), https://www.kunstsammlung.de/press/Pressemappe_Queere_Moderne._1900_bis_1950_.pdf.

[7] Siehe Plakat zur Ausstellung Queer Lens. A History of Photography, kuratiert von Paul Martineau / Ryan Linkof, J. Paul Getty Museum, Los Angeles 2025 (vgl. https://media.getty.edu/Text/f9e95d2d-b6c1-55dc-bacf-9eb636fe3851.pdf, 1).

[8] Antke Engel / Jule Jakob Govrin / Eva von Redecker (Hgg.): Lust an Komplexität und Irritation. 10 Jahre Institut für Queer Theory, Berlin 2016, 12, http://www.antkeengel.de/10years%20IQT-Booklet.pdf.

[9] Sara Ahmed: Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others, Durham / London: Duke University Press 2006, 107.

[10] José Esteban Muñoz: Cruising Utopia. The Then and There of Queer Futurity, New York: NYU Press 2009, 99.

Barbara Paul