Johannes Bähr / Ingo Köhler: Verfolgt, "arisiert", wiedergutgemacht? Wie aus dem Warenhauskonzern Hermann Tietz Hertie wurde, München: Siedler 2023, 431 S., 43 s/w-Abb., ISBN 978-3-8275-0180-6, EUR 36,00
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Johannes Bähr / Jörg Lesczenski / Katja Schmidtpott: Handel ist Wandel. 150 Jahre C. Illies & Co., München / Zürich: Piper Verlag 2009
Johannes Bähr: Die Dresdner Bank in der Wirtschaft des Dritten Reichs. Unter Mitarbeit von Ralf Ahrens, Michael C. Schneider, Harald Wixforth und Dieter Ziegler, München: Oldenbourg 2006
Johannes Bähr / Ralf Banken (Hgg.): Wirtschaftssteuerung durch Recht im Nationalsozialismus. Studien zur Entwicklung des Wirtschaftsrechts im Interventionsstaat des 'Dritten Reiches', Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2006
Kaufhäuser waren ein wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses der Bundesrepublik in der Zeit des Wirtschaftswunders, Symbol einer neuen modernen Wohlstandsgesellschaft. Die Rote-Armee-Fraktion zündete sie aus Protest gegen das Engagement Westdeutschlands im Atlantischen Bündnis zur Zeit des Vietnamkriegs und gegen den "Konsumterror" an. Im November 1989 strömten die Ostberliner herbei, um das passend benannte Kaufhaus des Westens (KaDeWe), den Tempel des westlichen Konsums, zu bestaunen. Im 21. Jahrhundert gerieten die Kaufhäuser aufgrund veränderter Geschmäcker und Einkommensverteilungen in Schwierigkeiten. Die Reichen gingen in Boutiquen, Menschen mit geringerem Einkommen zum Discounter und junge Leute shoppten online. Hertie, das nach 1989 nach Osten expandiert war, wurde 1994 von seinem Konkurrenten Karstadt übernommen und fusionierte 2018 mit einem anderen großen Kaufhaus, Kaufhof, zu Galeria Kaufhof, wobei die Mehrheit bei Sigma, dem Unternehmen des schillernden österreichischen Geschäftsmanns René Benko, lag. Die Covid-Pandemie versetzte dem Unternehmen den endgültigen Schlag, es fiel in Insolvenz und viele Filialen mussten schließen.
Die Geschichte dieser Kaufhäuser war auf seltsamer Weise von Anfang an miteinander verflochten. Die Geschichte von Hertie lässt sich bis zur Firma Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiss- und Wollwarengeschäft en gros und en detail Hermann Tietz zurückverfolgen, die im März 1882 in Gera, Thüringen, von Hermann Tietz und seinem damals 24-jährigen Neffen Oskar Tietz gegründet wurde. Hermann Tietz stellte das notwendige Kapital für Oskars Unternehmen als Leinen- und Wollwarenhändler zur Verfügung. Oskar Tietz' Bruder Leonard hatte bereits 1879 in Stralsund ein Kaufhaus gegründet. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde dieses Unternehmen 1933 als Westdeutsche Kaufhof AG 'arisiert' und später zu Kaufhof.
Der Name Hertie blieb als Bezeichnung einer renommierten Berliner Politikhochschule, der Hertie School, ehemals Hertie School of Governance, erhalten. Auf Druck von Alumni und Studenten beauftragte die noch immer existierende Hertie Stiftung eine Geschichtsstudie, um zu untersuchen, ob die Geschichte von Hertie auch unmoralische und finstere Bereicherungen in der Zeit des Nationalsozialismus enthielt. Diese Arbeit wurde von den Historikern Johannes Bähr und Ingo Köhler brillant durchgeführt. Sie geben einen definitiven Überblick darüber, wie die Hermann-Tietz-Kaufhausgruppe, einst das größte Privatunternehmen im Einzelhandel Europas, systematisch zerschlagen und in den westdeutschen Hausnamen Hertie umgewandelt wurde.
Zwei der bemerkenswertesten Teile der Geschichte, die Bähr und Köhler erzählen, betreffen die Umstände der 'Arisierung' von Hermann Tietz, die schon 1933 einsetzte, und dann die Geschichte der Nachkriegsrestitution. In beiden Fällen spielte Georg Karg eine entscheidende Rolle. Ein 1937 von der Dresdner Bank in Auftrag gegebener Bericht eines "Spezialrechercheurs" beschrieb ihn als "schlauen, durchtrieben Mann", dem es an "Charakter und Klugheit" mangele, und stellte fest, dass es ihm schwerfalle, sein Wort zu halten, und dass seine "Disposition" zu unangenehmen Situationen führen könne.
Die Frage, ob Hermann Tietz infolge der Weltwirtschaftskrise in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten steckte, stellt den ersten großen Untersuchungsgegenstand des Bandes dar. Karg und sein autorisierter Biograf, der Wirtschaftsjournalist Hans Otto Eglau, bejahten dies: Das Unternehmen musste von Banken gerettet werden, die 1933 nicht bereit waren, ihre Unterstützung ohne eine staatliche Garantie zu gewähren, dass die Kaufhäuser nicht Opfer der antisemitischen Wut der NSDAP und der besorgten Kleinunternehmer werden würden, die eine große Macht im Nationalsozialismus darstellten. Bähr und Köhler zeigen, dass dieses Bild nicht vollständig ist. Zwar sah sich das Unternehmen 1932 mit einem Zahlungsrückgang konfrontiert, doch zu Beginn des Jahres 1933 überstiegen die Vermögenswerte (hauptsächlich Immobilien) noch immer die Verbindlichkeiten. Die von den Nazis initiierten Boykotte führten im April 1933 zu einem katastrophalen Umsatzrückgang von 40 %, und die Banken - die den Erwartungen des Regimes nachgaben - weigerten sich, den jüdischen Eigentümern die Überbrückungskredite zu gewähren, die zur Überwindung vorübergehender Liquiditätsprobleme notwendig waren. Diese Ansicht über die Solvenz des Unternehmens spiegelte sich im Juni 1933 in einer Erklärung eines Beamten des Reichswirtschaftsministeriums wider.
Der nichtjüdische Karg war ein hochqualifizierter Textileinkäufer mit einem Blick fürs Detail und einem fast fotografischen Gedächtnis und verfügte über fundierte interne Kenntnisse des Unternehmens. Infolgedessen wurde er im Juli 1933 von den Gläubigerbanken zum Geschäftsführer der Hertie Kaufhaus-Beteiligungs GmbH ernannt, einem Unternehmen, das speziell zur Erleichterung des 'Arisierungsprozesses' gegründet worden war. Bemerkenswert ist, dass weder Karg noch die Vertreter der Gläubigerbanken Mitglieder der NSDAP waren; viele von ihnen waren sogar Juden. Im Rahmen des "Gleichschaltungsvertrags" vom Juli 1933 übernahm Karg die effektive Kontrolle über die Unternehmensgruppe. Es war Karg, der vorschlug, den Namen "Hertie" (eine ehemalige Eigenmarke von Tietz) zu verwenden und Tochtergesellschaften wie die "Union Vereinigte Kaufstätten GmbH" zu gründen, um die jüdischen Wurzeln der Geschäfte zu verschleiern und Kunden zurückzugewinnen, die den Namen "Tietz" boykottierten.
Während er für die Banken die 'Arisierung' der Gruppe leitete, erwarb Georg Karg privat andere jüdische Geschäfte und nutzte schließlich die zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten von Hertie, um die Gruppe für sich selbst mit einem erheblichen Preisnachlass zu kaufen. Der dramatischste Fall war ein Konkurrenzgeschäft, Paul Held Nachf., bei dem Karg 1934 eine Mehrheitsbeteiligung erwarb und fast die Hälfte des Kaufpreises mit Mitteln aus Hertie-Ressourcen finanzierte, ein Vorschlag, der bei den kontrollierenden Banken zunächst für Stirnrunzeln sorgte. 1936 schlug er den Banken einen Plan vor, die Mehrheit von Hertie selbst zu einem erheblich reduzierten Preis (50 % des Nennwerts) zu kaufen - auch ein Vorschlag, der die Banken zunächst überraschte, dem sie aber schließlich zustimmten.
Die Autoren zeichnen eine "Odyssee" der Verfolgung nach, angefangen mit dem Teilungsvertrag von 1934, in dessen Rahmen die Familien Tietz und Zwillenberg (Hugo Zwillenberg hatte sich mit der Tochter von Oskar Tietz vermählt) gezwungen wurden, Vermögenswerte abzugeben, die Hertie einen 'Arisierungsgewinn' von 15,5 Millionen RM einbrachten, bis hin zu ihrer endgültigen Flucht aus Deutschland. Die wertvollen Kunstsammlungen wurden versteigert, die schönen Häuser in Berlin und anderswo beschlagnahmt. Die Familie Zwillenberg wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen und in Durchgangslager im besetzten Europa inhaftiert.
Karg wird von den Autoren als Janus-Figur mit zwei Gesichtern dargestellt: währen er eine respektvolle, sogar freundschaftliche Beziehung zu den Brüdern Tietz pflegte, koordinierte er gleichzeitig die Entlassung von 500 jüdischen Mitarbeitern, um die Nazi-Betriebszellenorganisation zufrieden zu stellen.
Die zweite große Kontroverse, mit der sich das Buch befasst, dreht sich um den Restitutionsprozess, der oberflächlich betrachtet erstaunlich einvernehmlich verlief. Im Mittelpunkt der Rückerstattung für die Hermann-Tietz-Gruppe stand eine Vereinbarung vom Oktober 1949, mit der ein einzigartiges Modell der "Restitution durch Pacht" geschaffen wurde. Die Familie erlangte das Eigentum an zwölf Immobilien zurück, darunter Kaufhäuser in München, Stuttgart und Karlsruhe sowie mehrere Wohn- und Lagergebäude, und verpachtete diese Geschäfte dann für 20 Jahre an Hertie zurück. Im Gegenzug erhielten sie einen Prozentsatz des Umsatzes (anfänglich 2 %, nach 1960 2,5 %), der ihnen während des "Wirtschaftswunders" in Westdeutschland ein kontinuierliches Einkommen sicherte, das erheblich anstieg. Georg Tietz äußerte in privaten Briefen, dass seine finanziellen Erwartungen weitgehend erfüllt worden seien, und schätzte seinen Anteil an den Auszahlungen auf 12 bis 17 Millionen DM über einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Das Hertie Unternehmen und Georg Karg lehnten jede moralische Verantwortung konsequent ab und stellten den Ausstieg der Familie im Jahr 1934 als "freiwillige" wirtschaftliche Umstrukturierung dar, die aufgrund von Schulden notwendig geworden sei. Und im Fall Paul Held Nachf. nutzten Karg und Hertie die finanzielle Notlage und den schlechten Gesundheitszustand der jüdischen Eigentümer aus, um sie zu einer Einigung zu drängen, die weit unter dem realistischen Wert lag, und stellten dies als Wohltätigkeit und nicht als rechtliche Verpflichtung dar.
Bähr und Köhler kritisieren das Verhalten von Karg als opportunistisch und nicht als ideologisch motiviert. Sie verfolgen diesen Gedanken jedoch nicht weiter, z.B., inwieweit und warum dasselbe Verhalten auch für Führungskräfte in anderen Kontexten charakteristisch ist oder sein könnte - etwa für deutsche Unternehmen und Banken, die umfangreiche Geschäfte in Putins Russland tätigen, oder für amerikanische und ausländische Unternehmen, die mit der Unberechenbarkeit, Unmoral und Gefährlichkeit der Politik von Donald Trump konfrontiert sind.
Zweifellos könnte diese hervorragende Studie als lehrreiches Fallbeispiel für den Unterricht an der Hertie School dienen.
Harold James