Peter Stephan: Friedrich I. Die Erfindung Preußens. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2025, 396 S., eine Kt., 38 Farb-, 104 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-83643-5, EUR 34,00
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Peter Stephan legt mit seinem im Beck-Verlag erschienenen Buch eine neue biographische Darstellung zum ersten preußischen König Friedrich I. vor. Schon sein akademischer Hintergrund - er lehrte bis vor Kurzem als Professor für Kunstgeschichte und Architekturtheorie an der Fachhochschule Potsdam - deutet darauf hin, welche Schwerpunkte in dieser Darstellung gesetzt werden. Und in diesen Teildisziplinen liegen, um dies gleich vorwegzunehmen, die besonderen Stärken des Buches.
Peter Stephan verknüpft in der nach chronologischen und inhaltlich-strukturellen Gesichtspunkten vorgenommenen Gliederung seiner Biographie die Schilderung der Herrschaftsvorstellungen Friedrichs III./I. mit einer oftmals akribischen Beschreibung von herausragenden Werken der bildenden Kunst und Architektur im Zuge des um 1700 vorangetriebenen Ausbaus der preußischen Residenz. Dies erscheint als darstellerischer Kunstgriff durchaus originell. So bildet etwa die detaillierte Interpretation des Reiterstandbildes des Großen Kurfürsten den "Aufhänger" für die im zweiten Kapitel vorgenommene Analyse des Herrschaftsverständnisses des jungen Kurfürsten Friedrich III., der sich sowohl der ruhmreichen Memoria seines Vaters bedienen wollte als auch sich von diesem abzusetzen versuchte. Dieses Denkmal avanciert für den Autor gleichsam zur "Metapher der Staatsbildung" (68). Das Bildprogramm des Berliner Zeughauses wiederum bietet ihm die Vorlage für den Zugang zur politischen Programmatik des ersten preußischen Königs als "Herrscher der Mäßigung" (Kapitel 4). In dem vom Umfang her längsten Kapitel 8: "Die Majestät" wird sehr detailreich der Umbau des Berliner Stadtschlosses beschrieben und zugleich versucht, mit Hilfe einer gründlichen Interpretation der Bildrhetorik und Allegorien in den Deckengemälden, Kapitellen oder Portal-Risaliten die "Staatsidee" des jungen Königtums zu erklären. Darüber, dass diese kunst- und bauhistorischen Exkurse zuweilen recht detailverliebt ausfallen und damit das eigentliche Thema des Buches mitunter in den Hintergrund treten lassen, wird man sicher hinwegsehen können, zumal diese Passagen einige neue Einsichten vermitteln.
Dennoch stellt sich die Frage, ob mit diesen vornehmlich kunsthistorischen Deutungen sowohl die Voraussetzungen und Motive der Politik des ersten preußischen Königs als auch die damaligen Entwicklungen in Staat und Gesellschaft im Preußen zur Zeit Friedrichs I. hinreichend erklärt werden können. Zwar versteht es der Autor, einen komprimierten, aber recht konzisen Überblick über das politische Erbe zu geben, auf das Friedrich bei seiner Regierungsübernahme 1688 traf - auf einen durch Ressourcenschwäche und zäh sich haltende Regionalismen charakterisierten Herrschaftsverband. Jedoch bleiben viele Aspekte, die man in einer Herrscherbiographie eigentlich erwartet, recht konturenschwach, wie etwa das Agieren des Monarchen als Teil der politisch-höfischen Elite. Gerade wenn man aber Friedrich I. eine solch ambitionierte Stellung bei der "Erfindung" eines neuen preußischen Staatswesens zubilligen möchte, schiene es eigentlich vonnöten, seine persönliche Rolle auch abseits der konzeptionellen Planung der Kunstwerke und Bauvorhaben klarer zu beschreiben.
Autoren biographischer Darstellungen sehen sich gern zu einer prononcierten Thesenbildung veranlasst. Schließlich möchte man sich abgrenzen und ein "Alleinstellungsmerkmal" mit der Interpretation eines Herrscherlebens erzielen, dem im Fall Friedrichs I. in den letzten Jahrzehnten bereits vier monographische Darstellungen gewidmet worden waren. Das erscheint gewiss legitim, und die hier vertretene These, wonach Friedrich mit seiner "Idee" von einem in Peter Stephans Augen "besseren Preußen" eine Alternative zum späteren Verlauf der Geschichte dieses Staatswesens geboten hätte, besticht sicher auf den ersten Blick.
Gleichwohl vermag dieser Ausflug in eine letztlich kontrafaktisch bleibende Geschichtsinterpretation bei näherer Betrachtung nicht ganz zu überzeugen. So sinnvoll solche Gedankenspiele erscheinen mögen, hat natürlich auch eine solche Annahme mit Plausibilitätsbeweisen zu arbeiten. Stephan zieht zur Untermauerung seiner These die Friedrich beeinflussende Gedankenwelt eines Pufendorf, Thomasius oder Leibniz heran, vor allem aber die von Schlüter, Eosander und de Bodt geprägte Baukunst. Vor allem "Schlüters Werk" wäre demnach laut Peter Stephan als der idealisierte Gegenentwurf zum herkömmlichen Preußen zu lesen und zugleich "die ergiebigste Quelle von Friedrichs Herrschaftsverständnis". (13) Doch reicht diese Konzentration auf bestimmte Facetten der Geistes- bzw. Kunstgeschichte jener Zeit zur Untermauerung der Annahme über die "Erfindung" eines "anderen Preußen" aus? Oder müssten nicht vielmehr Belege beigebracht werden, die die persönliche Rolle des Monarchen schärfer konturieren? Im Gegensatz zu seinem Vorgänger und Nachfolger stellt sich die Quellenlage diesbezüglich aber wesentlich bescheidener dar. Auch das mehrfache Insistieren auf Friedrichs "grand dessein", seinen "großen Entwurf" (11, 158 u. ö.) kann in diesem Zusammenhang nicht ganz überzeugen. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass dieser Plan vornehmlich all jene diplomatischen und auch wissenschaftspolitischen Bemühungen umriss, die zur Vorbereitung und Absicherung des Kronerwerbs vonnöten waren.
Der Vorgeschichte und Durchführung sowie dem Nachleben des zentralen Ereignisses in Friedrichs Herrscherleben wird aus naheliegenden Gründen der meiste Platz in dieser Biographie eingeräumt. Neben sehr informativen Passagen, vor allem zu den Bemühungen Friedrichs und seiner Berater zur baulich-künstlerischen Inszenierung im Vor- und Umfeld des Kronerwerbs erweisen sich andere Ausführungen als nicht so ergiebig. Man erfährt zwar Vieles über die repräsentative Absicherung der Rangerhöhung und auch durchaus Lesenswertes über die Persönlichkeit und charakterliche Disposition Friedrichs I. Hingegen bleiben die Stellung dieses Monarchen im Regierungssystem, wie überhaupt wichtige Gesichtspunkte der Politik-, Wirtschafts- oder Kirchengeschichte während seiner Herrschaftszeit relativ unterbelichtet.
Dies ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass ein Teil der für diese Fragen relevanten Sekundärliteratur unberücksichtigt blieb und archivalische Quellen überhaupt nicht einbezogen wurden. Dieser Mangel mag zugleich erklären, warum Peter Stephan in seinem Bemühen, seinem "Helden" mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, zuweilen über das Ziel hinausschießt. Dieser Einwand folgt nicht aus einer wohlfeilen Kritik heraus, denn der Rezensent plädierte bekanntlich selbst für eine verständnisvollere Bewertung Friedrichs I. Wenn man aber sowohl die Herrschaftszeit als auch die Persönlichkeit des ersten preußischen Königs so scharf von denen seines Vorgängers und seiner Nachfolger abgrenzt, läuft man Gefahr, statt der früheren abschätzigen Bewertung dieses Herrschers nunmehr einer sehr positiv ausfallenden Leistungsbilanz das Wort zu reden. So mag zum Beispiel die mehrfach betonte Friedfertigkeit Friedrichs nicht so recht zu überzeugen. Kann man einen Monarchen wirklich als "Friedensherrscher" (81) oder "Friedenskönig" (241) titulieren, in dessen 25-jähriger Regierungszeit sich Preußen insgesamt 22 Jahre im Krieg befunden hatte? Und musste sich Friedrich I. nicht ähnlicher Politikstile bedienen wie andere Herrscher seiner Zeit? Denn auch die "Wirkmacht seiner Staatsidee" (306) bedurfte natürlich der machtpolitischen Absicherung. Friedrich selbst hatte seine politischen Ziele einst mit den Schlagworten "Elevation, Macht und Ansehen" recht klar benannt. Im Umfeld der Krönung hat er demzufolge neben einer professionellen diplomatischen Strategie ebenso auf die militärische Karte gesetzt und preußische Truppen nicht nur dem Kaiser, sondern auch den Niederlanden und England vertraglich angeboten. Des Weiteren regt die im Buch mit besonderer Verve vertretene Hauptthese, dass Friedrich I. nicht nur das preußische Königtum begründet, sondern den preußischen Staat quasi "erfunden" hätte, zu Widerspruch an. Eine solche Annahme wäre letztlich ja nur mit dem Argument einer scharfen Zäsur zur Herrschaftszeit seines Vorgängers zu stützen. Jedoch sieht die Preußen-Forschung schon seit langem die Kontinuitätslinien vor und nach 1688 wesentlich stärker gewichtet als einen jähen Bruch in der Regierungspraxis. Dies zeigt sich insbesondere gerade auf solchen Politikfeldern, in denen sich dieses "andere Preußen" nach der Auffassung Peter Stephans in wohltuender Weise sowohl von der Zeit vor 1688 als auch von der Epoche nach 1713 abheben wollte. Denn die während der Regierungszeit des Großen Kurfürsten eingeleiteten Veränderungen im Verwaltungs- und Militärsystem wurden ebenso weiterverfolgt und perfektioniert wie die vom Autor besonders hervorgehobene, unter Friedrich III./I. einsetzende Entwicklung Preußens zum "toleranten Vernunftstaat" und zu einem "am Gemeinwohl orientierten Rechtsstaat" (163). Nicht zuletzt deutet auch ein Blick auf die für diese Politikfelder verantwortliche höhere Amtsträgerschaft auf solche Kontinuitäten hin.
Es handelt sich also, um nun zu einem knappen Resümee zu kommen, um eine im Ganzen lesenswerte Biographie, die neben Bekanntem zugleich mit vielen neuen Einsichten aufwarten kann, gleichwohl aus den benannten Gründen beim Rezensenten einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Dabei soll nicht auf die überschaubar bleibenden Fehler, wie etwa die falsche Datierung des Dreikönigstreffens von 1706 statt 1709 (169 u. ö.) abgehoben werden. Das Buch driftet aber in einigen Kapiteln zu sehr in eine Geschichte von Kunst und Architektur zur Zeit des Berliner Residenzausbaus um 1700 ab als sich stringent dem Herrscherleben Friedrichs III./I. in all seinen Facetten zuzuwenden.
Frank Göse