Thomas Kaufmann: Martin Luther als Publizist. Eine biographische Studie, Tübingen: Mohr Siebeck 2025, VIII + 186 S., Diverse s/w-Abb., ISBN 978-3-16-164344-6, EUR 22,00
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Der Göttinger Kirchenhistoriker legt auf 186 Seiten eine lesenswerte und angenehm zu lesende Luther-Biografie vor, die sich ganz auf dessen publizistische Tätigkeit konzentriert, daneben aber auch ein wenig Luthers Besitz von und Umgang mit Büchern beleuchtet sowie Luther als Objekt der Publizistik thematisiert. 33 Abbildungen illustrieren die Darstellung und werden teilweise, insbesondere die Luther-Bilder, auch eigens thematisiert. Ausgestattet ist das Buch neben dem Quellen- und Literaturverzeichnis auch mit Registern der Personen, der Orte und der Sachbetreffe.
Kaufmann beginnt mit zwei späten Texten Luthers, den beiden Vorreden zu seinen Werkausgaben von 1539 und 1545, in denen sich Luther auch über sich selbst äußerte und sich "als Vorbild für den typischen Lern- und Entwicklungsprozess eines Theologen" (6) präsentierte.
Über Bücher in Luthers Elternhaus und über Bücher in seiner Schul- und Studienzeit ist nur wenig Konkretes bekannt. 1518 schenkte Luther seiner Mutter ein Buch, versehen mit einer persönlichen Widmung, das heute noch in Berlin in die Hand genommen werden kann. Als er 1505 sein Jurastudium abbrach, nahm er nur Bücher von Plautus und Vergil mit ins Kloster. Aber "[z]eitlebens hatte Luther wohl einen unkomplizierten Zugang zu Büchern." (11) Seine Arbeit mit Büchern wird anhand annotierter Drucke deutlich. Die "vielleicht ältesten Lesespuren" (18) finden sich in einem 1505 erschienenen Einzeldruck, weitere aus seiner Erfurter Studien- und seiner frühen Wittenberger Professorenzeit. Interessant wäre die Frage, welchen Buchbesitz und welche Bücherlektüre man später bei Luther nachweisen oder aus seinen Werken rekonstruieren kann. Was hat er zur Kenntnis genommen, was hat er wirklich gelesen?
1513 nutzte Luther erstmals die Druckpresse, indem er seinen Studenten als Hilfsmittel für seine Vorlesung gedruckte Bibeltexte in die Hand gab. Im eigentlichen Sinne publizistisch tätig wurde Luther 1516 (Erstausgabe der Theologia deutsch), eine erste eigene Schrift gab er 1517 heraus, seine Auslegung der Sieben Bußpsalmen. Der 1517 beginnende Ablassstreit machte Luther zum "Medienstar" (55). Den publizistischen Höhepunkt von Luthers Wirken bildete das - so Kaufmann - "Wunderjahr" 1520 (71). Hier veröffentlichte Luther seine bis heute bekanntesten und meist gelesenen Schriften, die Adels- und die Freiheitsschrift, die mit De captivitate Babylonica traditionell als "reformatorische Hauptschriften" bezeichnet werden. Kaufmann: "Er schrieb in dieser Zeit um sein Leben, denn er hatte verstanden, dass nichts und niemand ihn so sehr schützen konnte [...] wie seine mit publizistischen Mitteln erreichte Bekanntheit" (71). Zwischen Herbst 1519 und Herbst 1520 erschienen 23 deutsche und 10 lateinische Schriften, die es bereits damals auf insgesamt mehr als 230 Auflagen brachten. Insgesamt erschienen zwischen Juli 1519 und Dezember 1520 rund 250 000 gedruckte Exemplare von Werke[BB1]n Martin Luthers.
Ausführlich thematisiert Kaufmann Luthers Auftritt in Worms 1521 und dessen publizistischen Nachhall sowie die daran anschließende Bemühung um die Bibelübersetzung. "Luther übersetzte so, dass der Sinn eines Textes in der Zielsprache im Vordergrund stand" (108) - anders als heutige Revisoren der Luther-Übersetzung (zuletzt 2017), denen die Konservierung der altmodischen Luther-Sprache wichtiger ist als die Verständlichkeit.
Weitere Themen sind Luthers literarische Kämpfe mit Karlstadt, Zwingli und Erasmus, ferner seine Schriften gegen die Bauern, gegen die Juden, gegen die Türken und gegen das Papsttum. Polemik, teilweise unerträgliche Polemik beherrschte nun Luthers Schriftstellerei. Dementsprechend konstatiert Kaufmann: "Polemik [war] kein unwesentlicher Nebenaspekt seines Agierens, sondern ein Kernmoment seines publizistischen Handelns" (163).
Daran anschließend wechselt Kaufmann noch einmal die Perspektive und beleuchtet Luthers Sterben und Tod als "Medienereignisse" (156). Luther wurde nun der Öffentlichkeit als ein "selig Entschlafene[r]" präsentiert (156). Ein "Epilog" zur "Wesensnatur" des "Buchakteurs Luther" rundet das Buch ab (161).
Noch einmal: Eine kleine Biografie Luthers, die sich nicht auf den Reformator, nicht auf den Theologen konzentriert, sondern auf den Publizisten und gerade so dann doch auch wieder auf den Reformator und Theologen. Eine preiswerte Biografie, die nicht unbedingt Neues, aber Bekanntes in neuer Perspektive bietet. Wichtige und strittige Aspekte aus dem Leben Luthers - "Gewittererlebnis", "Turmerlebnis", "Thesenanschlag" - werden angesprochen, aber nicht ausführlich thematisiert. Den "wahre[n] Luther", so Kaufmann, charakterisierte "das öffentliche Lehren, das Publizieren" (163). Der Reformator habe Wittenberg zur "produktivste[n] Druckmetropole Europas" gemacht (163).
Martin H. Jung