sehepunkte 26 (2026), Nr. 10

Norbert Otto Eke / Ulrike Heinrichs u.a. (Hgg.): Das Heilige (in) der Kultur

Was heißt es, wenn in einer säkularisierten Gesellschaft von "Heiligkeit" die Rede ist? Verschwindet das Heilige mit dem Bedeutungsverlust institutionalisierter Religion - oder verlagert es sich in andere kulturelle Bereiche? Diesen Fragen widmet sich der auf eine Paderborner Tagung zurückgehende Band. Sein Ausgangspunkt ist ein weiter, kulturwissenschaftlich anschlussfähiger Begriff des Heiligen, der mit den drei Leitbegriffen "Unverfügbarkeit", "Latenz" und "Widmung" konturiert wird. Die 16 Beiträge aus verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen untersuchen Formen des Heiligen in unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Konstellationen.

Den theoretischen Rahmen steckt Norbert Otto Eke in seinem Eröffnungsbeitrag ab. Das Heilige soll nicht als fest umrissene ontologische Größe vorausgesetzt, sondern als kulturelle Kategorie untersucht werden. Im Zentrum stehen Prozesse, durch die etwas der gewöhnlichen Verfügung entzogen, als besonders wertvoll oder verbindlich ausgezeichnet und in entsprechende Praktiken eingebunden wird. Das Heilige erscheint damit einerseits als das Unverfügbare, andererseits als etwas, das kulturell bezeichnet, gestaltet und angeeignet wird.

Wie tragfähig dieser Ansatz ist, zeigen die folgenden Beiträge in unterschiedlichen Feldern. Jochen Schmidt führt ihn in die Debatte über den ärztlich assistierten Suizid ein und problematisiert eine Verkürzung des Autonomiebegriffs auf individuelle Präferenzen. Elisa Klapheck entwickelt aus jüdischen Traditionen einen Begriff des Heiligen, der auf der Heiligung des alltäglichen Lebens durch menschliches Handeln beruht. Magnus Schlette versteht das Heilige aus religionsanthropologischer Perspektive als kollektiv geteilte und normierte Zuschreibungspraxis.

Besonders aufschlussreich sind die Beiträge, in denen die theoretischen Begriffe an historische Prozesse gebunden werden. Detlef Pollack deutet die Entstehung moderner gesellschaftlicher Differenzierung als Reaktion auf den Universalitätsanspruch der lateinischen Kirche. Die Moderne erscheint damit nicht einfach als Gegenbewegung zur Religion; vielmehr konnte die Institutionalisierung des Religiösen Bedingungen für die Ausdifferenzierung von Politik, Recht und Wissenschaft schaffen. Jens Jetzkowitz und Oliver Schmidtke übertragen den Begriff des Heiligen auf moderne Naturbezüge. Am Beispiel von Konflikten um die Wiedervernässung von Mooren zeigen sie, wie Vorstellungen von Natur als unverfügbarer Größe gesellschaftliche Wertkonflikte bestimmen.

Historische Fallstudien machen sichtbar, wie eng Heiligkeit und soziale Macht verbunden sind. Hartmut Leppin untersucht die spätantiken holy men und zeigt am Beispiel des Symeon Stylites das paradoxe Verhältnis von Unverfügbarkeit und Macht: Die radikale Entziehung aus den gewöhnlichen sozialen Ordnungen begründet eine außergewöhnliche Autorität, die kirchliche und politische Akteure zugleich anerkennen und zu kontrollieren suchen. Meinrad von Engelberg verfolgt anhand von Gnadenbildern Prozesse der Sakralisierung im konfessionellen Zeitalter. Heiligkeit entsteht dabei nicht nur durch kirchliche Autoritäten, sondern auch "von unten", durch Zuschreibungen und Praktiken der Gläubigen.

Eine Gruppe von Beiträgen mit kunsthistorischem Schwerpunkt richtet den Blick auf die mediale Vermittlung des Heiligen. Bruno Boerner untersucht mittelalterliche Vorhänge und Fastentücher als Medien von Verhüllung und Offenbarung; gerade der Entzug des Sichtbaren kann religiöse Präsenz erzeugen. Rita Burrichter fragt nach dem Status religiöser Bildwerke im Museum und verbindet deren Sakralität mit Problemen von Deutungshoheit, kolonialen Sammlungen und Restitution. Christian Freigang zeigt am Kirchenbaudiskurs um 1900, wie die Krise des Historismus mit der Suche nach einer neuen, gegenwärtig erfahrbaren Sakralität zusammenhängt.

Als ergiebig stellt sich auch der literaturwissenschaftliche Schwerpunkt heraus. Joachim Jacob verfolgt die semantische Ausweitung des Heiligen seit der Aufklärung: Sprache, Dichtung, Natur oder Freundschaft können nun als "heilig" bezeichnet werden. Nicolas Detering und Anita Martin zeigen am Beispiel romantischer Gattungen, wie die Moderne vermeintlich vormoderne Formen wie Heiligenlegende oder geistliches Lied neu konstruiert, um sich dem Unverfügbaren literarisch anzunähern. Andreas Keller untersucht die kulturelle Latenz des Heiligen am Verhältnis von Marienfrömmigkeit und Venuskult: Verdrängte religiöse Bedeutungen können in transformierter Gestalt fortwirken.

Der abschließende Beitrag von William Collins Donahue problematisiert die theoretische Grundlage des Bandes. Anhand von Barbara Honigmanns literarischem Werk und im Rückgriff auf Peter Berger und Charles Taylor prüft Donahue, ob die kulturwissenschaftliche Perspektive das Heilige auf kulturelle Zuschreibungen reduziert und damit dessen mögliche transzendente Dimension unterschätzt.

Die daran anschließenden "Diskussionspunkte, offene Fragen" von Johannes Süßmann bündeln einige der zentralen Spannungen des Bandes. Sie betreffen insbesondere das Verhältnis von kulturwissenschaftlicher Beschreibung und Transzendenz, die kulturspezifische Prägung der verwendeten Begriffe sowie die Frage nach deren Universalität. Darüber hinaus verweist Süßmann auf die Prozesshaftigkeit des Heiligen und auf die Bedeutung von Machtverhältnissen für seine jeweilige Ausgestaltung.

Besonders überzeugend ist der im Band entwickelte Begriff der "Latenz". Er ermöglicht es, die Geschichte des Heiligen weder als kontinuierliche Präsenz noch als linearen Verlust zu erzählen. Religiöse Formen können verschwinden, während ihre Semantiken, Bilder und Handlungsmuster in Literatur, Kunst und anderen kulturellen Praktiken fortwirken. Damit eröffnet der Begriff eine produktive Alternative zu einem allzu schematischen Säkularisierungsverständnis ebenso wie zu der umgekehrten These, die Moderne sei letztlich nur verkappte Religion. Gerade hier liegt eine zentrale Stärke des Bandes: Das Heilige wird weder auf Religion reduziert noch vorschnell in allgemeine kulturelle Wertvorstellungen aufgelöst. Die Beiträge machen sichtbar, wie sich Vorstellungen von Unverfügbarkeit, besonderer Wertigkeit, Verpflichtung und Transzendenz in unterschiedlichen kulturellen Praktiken artikulieren. Die Gegenüberstellung von Heiligenverehrung, jüdischer Tradition, Bioethik, Naturvorstellungen, Museumspraxis und Literatur erweist sich dabei als besonders ergiebig, weil sie nicht nur strukturelle Gemeinsamkeiten sichtbar macht, sondern zugleich die Eigenlogik der jeweiligen Formen des Heiligen hervortreten lässt.

Darin liegt zugleich die zentrale Schwierigkeit: Je weiter der Begriff des Heiligen über seinen religiösen Ausgangspunkt ausgedehnt wird, desto stärker stellt sich die Frage nach seiner begrifflichen Trennschärfe: Wann handelt es sich um Heiligkeit und wann lediglich um besondere Wertschätzung, normative Verbindlichkeit oder Unverfügbarkeit? Nicht alle Beiträge dieses instruktiven Bandes beantworten diese Frage in gleicher Weise.

Rezension über:

Norbert Otto Eke / Ulrike Heinrichs u.a. (Hgg.): Das Heilige (in) der Kultur. Unverfügbarkeit - Latenz - Widmung, Leiden / Boston: Brill 2025, VI + 301 S., 16 Farb-, 5 s/w-Abb., ISBN 978-3-7705-6730-0, EUR 89,00

Rezension von:
Gia Toussaint
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Gia Toussaint: Rezension von: Norbert Otto Eke / Ulrike Heinrichs u.a. (Hgg.): Das Heilige (in) der Kultur. Unverfügbarkeit - Latenz - Widmung, Leiden / Boston: Brill 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/10/40911.html


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