Der Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes ist ein institutioneller. Im Zuge der Umstrukturierung der Abteilung Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld wurden "Profilbereiche" geschaffen, die die bisherige Gliederung in Abteilungen (sprich: Lehrstühle) ersetzen. Qualifikationsstellen sind nicht mehr an einzelne Professuren gebunden, sondern an den Profilbereich, in dem Lehrende und Forschende unterschiedlicher Statusgruppen zusammenarbeiten. Die Profilbereiche sind nach verschiedenen Logiken konzipiert, der "Global- und Verflechtungsgeschichte" stehen etwa die "Geschichtskulturen" oder "Gesellschaft - Wissen - Umwelt" gegenüber - sowie als zeitliche Denominationen die Alte Geschichte und eben die Geschichte der Vormoderne. Während man früher vielleicht gerade diese banalen temporalen Definitionen als selbsterklärende Spezialisierung verstanden hätte, stehen sie in der heutigen Wissenschaftslandschaft unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck. "Die Vormoderne ist doch nur ein Zeitraum" zitieren die Herausgeber*innen einen kolportierten Einwurf gegen ihren Profilbereich, der damit gerade kein "eigenes inhaltliches Profil" besitze (11). Um diesen Vorwurf zu entkräften, versuchen sie sich unter tätiger Mithilfe von Kolleg*innen anderer Profilbereiche in diesem rein Bielefeldisch bestückten Band an der Klärung der Frage, was heute unter Vormoderne zu verstehen sei und welche Eigenheiten das Profil der Vormoderne ausmachen.
Es geht am Ende doch sehr viel um Zeitlichkeit und Epochalität, wie der Untertitel bereits andeutet. Im Zentrum steht neben der in all solchen Publikationen wiederkehrenden und hier diametral unterschiedlich beantworteten Frage, ob Periodisierung überhaupt sinnvoll oder statthaft sei, die zeitliche und inhaltliche Festlegung der Vormoderne. Institutionell scheint der Fall zumindest für Bielefeld geklärt: Hier haben sich diejenigen zusammengefunden, die zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit arbeiten. So herrscht auch viel Einigkeit sowohl darüber, dass die Zeit um 1500 nicht mehr als relevante Epochengrenze gelten kann, als auch über das Ende der Vormoderne um 1800. Hier geht der Konsens so weit, dass der Geschichtsdidaktiker Lars Deile als einer der Kommentatoren leicht spöttisch bemerken kann, die "versammelte Bielefelder Vormoderne [habe] sich in diesem Band aufgestellt, um das von Reinhart Koselleck entworfene Narrativ der Sattelzeit noch einmal als schlüssig zu begründen." (202) Dies rekurriert auf den genius loci. Verbindet man mit der Reformuniversität Bielefeld normalerweise das Paradigma der Geschichte als Historische Sozialwissenschaft, war sie auch ein Ort des institutionellen Aufbrechens der hergebrachten Epochenstruktur. Bei Gründung der Universität sollte unter tätiger Mithilfe Kosellecks die Epochengrenze um 1500 geschleift werden und ein gemeinsamer Arbeitsbereich für die Zeit vom 12. bis zum 18. Jahrhundert geschaffen werden. Im Endeffekt blieben die institutionellen Barrieren bestehen, auch wenn das Ideal nie ganz aus den Augen geriet - bis es nach einem halben Jahrhundert in Form des Profilbereichs Vormoderne Gestalt angenommen hat. Diese lokale Vorgeschichte beleuchtet vor allem Stephan Gorißen, der dabei den erst seit der Jahrtausendwende boomenden Begriff der Vormoderne zeitlich mit den älteren Alteuropa-Konzepten gleichsetzt und damit einen Beginn um 1200 suggeriert.
Damit bewegt er sich an einem Ende der Parteinahmen für einen inhaltlich festzulegenden Beginn der Vormoderne, die den Band unabhängig von der institutionellen Vorentscheidung auf Mittelalter und Frühe Neuzeit durchziehen. Am anderen Ende der Skala steht die Sesshaftwerdung des Menschen bei Peter Kramper, der aus Sicht der Wirtschaftsgeschichte die Moderne als Zeitalter des dauerhaften Wirtschaftswachstums seit 1820 von einer davorliegenden jahrtausendelangen Vormoderne absetzt. Konkret wird die Frage im Beitrag des Althistorikers Uwe Walter, der - wie in der obigen Aufzählung zu sehen - zu einem eigenen Profilbereich gehört. Entscheiden will er sich hier nicht so recht: Denn einerseits spreche "streng systematisch eigentlich viel für eine Inkorporation" (75) der Alten Geschichte in eine übergreifende Vormoderne; andererseits kokettiert Walter mit der Rolle der Antike als historischem "Labor", in dem neben vormoderner Strukturen auch "'modern' anmutende" Elemente existierten. Über die rein zeitliche Definition geht er damit zu einer inhaltlich-phänomenologischen Festlegung von modern und vormodern über. Genau das tut auch eine ganze Reihe weiterer Beiträge, die aber die Suche nach modernen Elementen im - dann doch - Zeitalter der Vormoderne meiden wie der Teufel das Weihwasser, könnte man ihnen das doch als Teleologie auslegen. Chronologie und Inhalt sind in fast allen Beiträgen so stark verschränkt, dass es bis zum Ende der Vormoderne keine modernen Elemente geben kann, selbst wenn letztere eigentlich analytisch und nicht temporal definiert sind.
Ein flammendes Plädoyer für die durchgängige Alterität der Vormoderne hält Franz-Josef Arlinghaus in einem thesenstarken und mit treffenden empirischen Beispielen unterfütterten Aufsatz. Der epochale Übergang zur Moderne brauchte keine Inkubationszeit, vielmehr passierte er rasch und überraschend innerhalb weniger Generationen um und nach 1800. Die Welt davor war nicht nur eine andere, ihre Ordnung war auch keineswegs auf dem absteigenden Ast, sondern stabilisierte sich immer wieder selbst. Nicht alle Beitragenden teilen die Konzeptualisierung einer einheitlichen Vormoderne. Antje Flüchter rückt globale Unterschiede etwa bei Transzendenzvorstellungen in den Fokus und möchte daher in Anlehnung an Shmuel Eisenstadt lieber von "multiple premodernities" sprechen. Trotzdem überwiegt insgesamt doch die Kombination von "Ähnlichkeitsvermutung" (Kramper) für vormoderne Gesellschaften und harter Abgrenzung von der meist systemtheoretisch definierten Moderne. In einem Kommentar verweist Willibald Steinmetz zu Recht auf die Diskrepanz zwischen der hier von außen konstruierten monolithischen Moderne "als globaler Referenzpunkt" (138) und den ständigen Debatten innerhalb der Moderneforschung über deren Einheitlichkeit, wenn nicht gar über deren Existenz oder Ende.
Die Betonung des Kontinuitätsbruchs gegenüber der Gegenwart wirft unweigerlich eine alte Bielefelder Frage auf: jene nach der Relevanz der Vormoderneforschung. Unter den hier postulierten Prämissen kommt weder Entwicklung noch der Vergleich vormoderner und gegenwärtiger Lagen in Betracht. Doch auch die explizite Kontrastierung bietet Tücken, da sie zu oft in Stereotypen aufgeht. Diese können in beide Richtungen gehen, worauf Arlinghaus mit seiner Forderung nach "abgekühlter Alterität" reagiert, die sich auch der Romantisierung des Vormodernen verschließe. Letztlich verorten die meisten den Nutzen klassisch in der Entfamiliarisierung und der Darstellung uns heute fremd gewordener Lebens- und Gesellschaftsformen, ohne diese zur Richtschnur zu erheben. Darin liegt dann wohl auch das inhaltliche Proprium des Profilbereichs Vormoderne jenseits chronologischer Festlegungen - selbst wenn man fragen kann, ob eine solche Aufgabenstellung nicht inzwischen für viele Bereiche der Neuesten oder sogar der Zeitgeschichte prägend ist.
Franz-Josef Arlinghaus / Antje Flüchter / Stefan Gorißen u.a. (Hgg.): 'Vormoderne' - Annäherungen an einen Epochenbegriff. Bielefelder Essays zur Frage der Periodisierung (= Historische Zeitschrift. Beihefte. Neue Folge; Bd. 83), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2025, 220 S., 2 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-165783-7, EUR 69,95
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