Mit A Memory of Violence legt Christine Shepardson eine in ihrer Ausführlichkeit beeindruckende Studie zur Rolle von Erinnerungskonstruktion für die konfessionelle Konsolidierung miaphysitischer Gemeinschaften im späten 5. und 6. Jahrhundert vor. Im Zentrum stehen die Schriften von Severos von Antiochien, Philoxenos von Mabbug, Johannes Rufus, Zacharias von Mytilene, Johannes von Tella und Johannes von Ephesos. Shepardson untersucht, wie diese Autoren ihre Gemeinschaft als orthodoxe Fortsetzung der christlichen Tradition konstruierten, ihre Gegner - insbesondere die Chalkedonier - als Häretiker markierten und ihre Anhänger zu konfessioneller Standhaftigkeit anhielten. Eine chronologische Übersicht und ein Verzeichnis wichtiger Personen ergänzen die Einleitung; den Band beschließen Bibliografie und Register.
Ausgangspunkt ist die plausible These, dass die Texte jener miaphysitischer Autoren nicht lediglich vergangene Konflikte überlieferten, sondern aktiv kollektive Erinnerung formten. Sie konstruierten Genealogien der Orthodoxie, in denen die eigene Position als unveränderte Fortsetzung der Lehre der Kirchenväter erschien, während die Gegner als Neuerer und Häretiker aus der Geschichte der wahren Kirche ausgeschlossen wurden. Gegenwärtige Akteure wurden mit biblischen Gestalten, Kirchenvätern und Märtyrern parallelisiert. Die Erinnerung an Verfolgung erhielt damit eine eminent gegenwartsbezogene Funktion: Wer unter dem Druck der imperialen Kirche standhaft blieb, konnte sich als Nachfolger der Märtyrer verstehen. Shepardson zeigt überzeugend, dass solche Narrative zugleich der Identitätsstiftung und der Schärfung konfessioneller Grenzen dienten.
Kapitel 1 liefert den historischen Kontext; es erweitert den Blick über die üblichen Zentren der Kontroverse hinaus und hebt insbesondere die Region Gaza (wo Severos, Johannes Rufus und Zacharias allesamt aktiv waren) als wichtigen Knotenpunkt der Netzwerke hervor, aus denen sich die syrische miaphysitische Kirche entwickelte. Allerdings finden sich einige Ungenauigkeiten. So werden unter anderem die Amtszeit des Patriarchen Makedonios (bis 512, nicht 517 wie auf Seite 25) und der Tod des Johannes von Ephesos (588/9, nicht 577/8 wie auf Seite 29) falsch datiert; zudem ist fraglich, ob der Krieg gegen die Perser von 572-591 lediglich als "intermittent fighting" (27) bezeichnet werden kann. Auch die Ereignisse von 536 mit der Einsetzung chalkedontreuer Bischöfe in Ägypten und der erneute Ausbruch der Miaphysitenverfolgung 571 finden nicht die ihnen zukommende Beachtung.
Die Kapitel 2 und 3 bilden den argumentativen Kern der Studie. Shepardson arbeitet detailliert heraus, wie miaphysitische Autoren eine Genealogie der Orthodoxie und spiegelbildlich eine Genealogie der Häresie entwerfen. Die eigene Lehre erscheint als alt und unverändert, die gegnerische als Innovation. Nestorius, Chalkedon und die Dyophysiten werden in eine Traditionslinie der Häresie eingeordnet, die bis zu den Gegnern der biblischen Heilsgeschichte zurückreicht. Zugleich dient diese Konstruktion der Selbstverteidigung, da auch die Miaphysiten mit dem Vorwurf der Neuerung konfrontiert waren. Die vergleichende Analyse ist überzeugend, wenngleich die Vielzahl der Einzelbelege gelegentlich etwas langatmig ist.
Kapitel 4 behandelt die Erfahrung von Verfolgung. Die miaphysitischen Autoren ordnen ihre Gemeinschaft in die Geschichte der seit den Anfängen verfolgten wahren Christen ein und parallelisieren chalkedonische Repression mit den Verfolgungen der paganen Kaiser. Postchalkedonische Bekenner können so als Märtyrer der eigenen Tradition erscheinen. Kapitel 5 führt diese Argumentation mit der Funktion von Endzeiterwartungen und göttlichem Gericht fort. Die eschatologische Perspektive relativiert den Wert kurzfristiger materieller Vorteile im Diesseits und soll die Bereitschaft stärken, auch unter erheblichen sozialen Kosten an der miaphysitischen Konfession festzuhalten.
Besonders aufschlussreich ist Kapitel 6 zur Herstellung konfessioneller Grenzen im Alltag. Shepardson untersucht insbesondere die Eucharistie: Die Teilnahme am Gottesdienst einer anderen Gemeinschaft wird als Gefahr für das Seelenheil dargestellt. Gerade hier zeigt sich jedoch die Differenz zwischen den normativen Ansprüchen kirchlicher Eliten und der Praxis der Gläubigen. Dass viele Christen weiterhin eucharistische Gemeinschaft über konfessionelle Grenzen hinweg pflegten, verweist auf erhebliche soziale und religiöse Fluidität. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit Peter Tannous' Konzept der "simple believers" hätte diesen Befund stärker sozialgeschichtlich konturiert.
Kapitel 7 zeigt die Fortwirkung dieser rhetorischen Strategien gegen Ende des 6. Jahrhunderts in den Werken des Johannes von Ephesos. Auch er ruft zur Standhaftigkeit und zur Geringschätzung materieller Vorteile angesichts des göttlichen Gerichts auf. Problematisch ist die teilweise schematische Darstellung der politischen Entwicklung nach dem Tod Theodoras 548. Die Ausgleichsversuche zwischen Anhängern und Gegnern Chalkedons unter Justin II. zwischen 565 und 571 werden nicht berücksichtigt. Auch das Verhältnis zwischen dem verlorenen zweiten Teil der Kirchengeschichte des Johannes und dem dritten Teil der Chronik von Zuqnin hätte differenzierter behandelt werden können - Shepardson scheint fälschlicherweise anzunehmen, dass die Chronik die Inhalte der Kirchengeschichte exakt wiedergibt.
Ein grundsätzlicher Einwand betrifft das Bild der miaphysitischen Gemeinschaften. Shepardson rekonstruiert überzeugend die konfessionellen Strategien ihrer führenden Autoren; dadurch erscheint die miaphysitische Welt jedoch als geschlossener Block. Weniger sichtbar werden interne Konflikte, unterschiedliche Grade konfessioneller Bindung und die religiöse Praxis einfacher Gläubiger. Auch Johannes von Ephesos erscheint stärker als kompromissloser Vorkämpfer für die miaphysitische Sache denn als Akteur, dessen eher moderate Position sich im Laufe der politischen Entwicklungen veränderte.
Diese Einwände mindern den Ertrag des Buches jedoch kaum. Shepardson gelingt es eindrucksvoll, die rhetorischen Verfahren sichtbar zu machen, mit denen miaphysitische Autoren Erinnerung zur konfessionellen Vergemeinschaftung nutzten. Vergangenheit wird konstruiert, um gegenwärtiges Handeln zu steuern. Konfessionelle Identität entstand demnach nicht allein durch institutionelle oder dogmatische Trennung, sondern auch durch die Produktion eines gemeinsamen Erinnerungsraumes.
Von besonderem Interesse ist schließlich die longue durée dieser Strategien. Die im frühen 6. Jahrhundert entwickelten Erinnerungsmuster blieben auch unter islamischer Herrschaft relevant, als erneut Druck auf die christlichen Gemeinschaften entstand. Die Überlieferung und Vervielfältigung zahlreicher Texte des Severos, Philoxenos und Johannes von Ephesos im späten 7. und frühen 8. Jahrhundert unterstreicht ihre fortdauernde Bedeutung.
A Memory of Violence ist somit ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des spätantiken Christentums. Shepardson zeigt mit großer Detailkenntnis, wie Erinnerung, Polemik und die Deutung von Gewalt zur Herausbildung konfessioneller Identitäten beitrugen. Zugleich eröffnet die Spannung zwischen den normativen Diskursen kirchlicher Eliten und der weniger eindeutigen religiösen Praxis der Bevölkerung ein wichtiges Feld für weitere Forschung.
Christine Shepardson: A Memory of Violence. Syriac Christianity and the Radicalization of Religious Difference in Late Antiquity, Oakland: University of California Press 2025, XXVII + 301 S., 2 Kt., ISBN 978-0-520-41353-5, USD 95,00
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