"Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist vor allem ihre Wirtschaftsgeschichte", befand Werner Abelshauser schon vor über 40 Jahren und bezog dies nicht zuletzt auf die politischen Handlungsspielräume, die das exorbitante Wachstum der Nachkriegsjahrzehnte eröffnete. [1] Auch die aktuellen Debatten über die Zukunftsaussichten des Landes kreisen wesentlich um wirtschaftliche oder unmittelbar angelagerte Themen wie Rüstung, Energieversorgung, Digitalisierung oder Migration. Sie sind nicht selten geprägt von einer eher pessimistischen Einschätzung der künftigen Leistungs- oder Reformfähigkeit einer lange als äußerst robust geltenden, stark auf Kooperation und sozialem Ausgleich gründenden Variante des kapitalistischen Wirtschaftens.
Hartmut Berghoffs Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik kommt daher zur rechten Zeit, ist es doch ein ausdrückliches Anliegen des Verfassers, durch eine "nüchterne Bestandsaufnahme der sozioökonomischen Entwicklung" die schon seit geraumer Zeit grassierenden Szenarien eines "voranschreitenden Verfalls" oder gar eines bevorstehenden Untergangs zu korrigieren. (22) Berghoff konzentriert sich dazu auf die drei Jahrzehnte vor Beginn der Corona-Pandemie, die er als "klar abgrenzbare Periode" sieht (19), und schließt mit einem Ausblick auf die jüngste Vergangenheit.
Die Darstellung beginnt mit den Makrotrends von Konjunktur und Wachstum. Die rasche Erholung nach gravierenden Krisen demonstriert hier eine "starke Resilienz" (28) der deutschen Volkswirtschaft, die überdies in den 2010er Jahren die längste ungebrochene Wachstumsphase nach dem "Wirtschaftswunder" verzeichnen und in besonderem Maße von der Öffnung Osteuropas profitieren konnte. Charakteristisch war jedoch auch eine sich verfestigende Investitionsschwäche. Zu den wichtigsten Abschnitten gehört das Kapitel über die "verkannte Erfolgsgeschichte der Vereinigung", das den geläufigen Verlust- und Kolonialisierungserzählungen eine differenzierte Analyse der Privatisierungen, des Wirtschaftswachstums und des Lebensstandards in den neuen Bundesländern entgegenhält, ohne die Schattenseiten zu unterschlagen. Die tradierten wirtschafts- und sozialpolitischen Institutionen der "alten" Bundesrepublik (inklusive umfangreicher Subventionspakete) erwiesen sich hier ebenso als leistungsfähig wie bei der Bewältigung der internationalen Finanz- und der sogenannten Eurokrise. Berghoff weist zu Recht darauf hin, dass letzterer Begriff insofern in die Irre führt, als nicht die europäische Währung in die Krise geriet, vor allem die Haushalte einiger über sie verketteter Mitgliedstaaten seien überdehnt worden.
Nach einem weiteren strukturhistorisch angelegten Kapitel über technologische Umbrüche, sektoralen Strukturwandel und die durchwachsenen Ergebnisse der Umweltpolitik rückt die Unternehmensebene in den Vordergrund. Die Auflösung der Deutschland AG, die rapide beschleunigte Globalisierung und dagegen recht begrenzte Finanzialisierung der deutschen Wirtschaft sowie schließlich (grenzüberschreitende) Wirtschaftskriminalität werden anhand von Unternehmensbeispielen anschaulich gemacht, die zugleich die Bedeutung konkreter Personen demonstrieren. Anhand der begrenzten Privatisierung staatseigener Unternehmen wird schließlich deutlich, dass auch auf diesem Feld die deutsche Wirtschaft keineswegs der "neoliberalen Abrissbirne zum Opfer gefallen" ist. (186)
Dies gilt auch nur begrenzt für den Bedeutungsverlust der Gewerkschaften, die Erosion der Flächentarifverträge und das Wachstum des Niedriglohnsektors (der allerdings durch die Einführung des Mindestlohns 2015 auf das Niveau der mittleren 1990er Jahre zurückgeführt wurde). Die Zunahme relativer und absoluter Armut, die anhand der wachsenden Zahl wohnungsloser Menschen herausgearbeitet wird, und schließlich die Einkommens- und Vermögensungleichheit zeigen jedoch durchaus "eine partielle Annäherung an die angelsächsischen Systeme". (208) In diese Richtung wirkte die Erhöhung indirekter, die Bezieher niedriger Einkommen überproportional treffender Verbrauchssteuern bei gleichzeitig sinkender Steuerlast der Unternehmen ebenso wie ein Teil der sozial- und arbeitsmarktpolitischen Reformen - während sich die staatlichen Ausgaben für Soziales zwischen 1991 und 2020 real fast vervierfachten und die Bürokratie weiter zunahm.
Es sind solche Relativierungen mitsamt ihren oft skizzenhaften und dennoch präzisen Erklärungen, die das Buch zu einem überzeugenden historischen Korrektiv pauschaler Vorstellungen vom neoliberalen Umbau der Bundesrepublik machen. Geradegerückt werden jedoch durch den nüchternen Blick auf Arbeitsmarkt und Demografie auch populäre Vorurteile über die wirtschaftlichen Effekte von Migration, die trotz einiger klar benannter Problemfelder insgesamt positiv zu bewerten sind. Ähnlich widersprüchliche Trends im gesellschaftlichen Verhalten werden am Verhältnis von Umweltbewusstsein und Konsum herausgearbeitet. Die Interessen und Handlungsspielräume konkreter Akteure rücken dabei bisweilen in den Hintergrund, denn die Quellengrundlage bilden vor allem Datensammlungen und die Berichterstattung der einschlägigen Bundesministerien. Neben den vielen skizzierten Makrotrends zeigt das Buch, dass diese Quellen sich - etwa anhand der wachsenden Verbreitung von Rollatoren - durchaus für illustrative Vertiefungen nutzen lassen.
Berghoffs wirtschaftshistorische Pionierstudie weist zugleich auf ein Desiderat der zeithistorischen Forschung hin, nämlich den engen Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Handlungsfähigkeit. Durch die historische Perspektive auf widersprüchliche Entwicklungen der neuesten Zeit leistet das Buch, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist, in seinen Hauptteilen nicht zuletzt eine wohltuende Entdramatisierung polarisierender öffentlicher Debatten. Der Obertitel hebt indes vor allem auf den Ausblick in die Jahre bis 2025 ab. In dieser Zeit verschlechterten sich die ökonomischen Perspektiven, während das politische Handeln laut Berghoff eher auf ein "trügerisches Gefühl der Normalität" rekurrierte. (306) Die Chancen des abschließenden Appells zum Aufbruch mag man angesichts der aufgelisteten Reformdefizite skeptisch einschätzen. Die Warnung, dass unser Wohlstandsniveau und der daran geknüpfte gesellschaftliche Zusammenhalt der Kontingenz unterliegen, fließt hoffentlich trotzdem als historischer Beitrag in die aktuelle Diskussion ein.
Anmerkung:
[1] Werner Abelshauser: Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland (1945-1980), Frankfurt a. M. 1983, 8.
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand. Eine Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990, München: C.H.Beck 2026, 376 S., 11 s/w-Abb., 4 Tbl., ISBN 978-3-406-84561-1, EUR 34,00
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