sehepunkte 26 (2026), Nr. 6

Pélissié du Rausas Amicie: Guerres, trêves et paix

Wie kommt man aus einer Ära militärischer Konflikte und instabiler Waffenstillstände zu einem auf Jahrzehnte hin dauerhaften Frieden? Dieser Frage geht Amicie Pélissié du Rausas, Assistenzprofessorin für mittelalterliche Geschichte an der Universität von La Rochelle, in ihrer 2020 dort verteidigten Dissertation am Beispiel der englisch-französischen Beziehungen zwischen den Jahren 1242 (Schlacht von Taillebourg und Saintes) und 1259 (Friede von Paris) nach.

Sie schildert, wie ein seit 1204 schwelender Konflikt zwischen England und Frankreich unter den Königen Heinrich III. und Ludwig IX. in exzessive Gewalt ausartete, um dann in einer 17-jährigen Periode immer wieder erneuerter Waffenstillstände einzufrieren, bis es 1259 gelang, einen friedlichen Ausgleich zu finden. Die Schlacht von Taillebourg wird in ihrer Bedeutung herabgestuft und Ludwig IX. als geschickter Taktiker vorgestellt, der mit psychologischer Kriegsführung und unter Anwendung von Prinzipien des Vegetius die Engländer zur Flucht zwang.

Mit dieser Niederlage Heinrichs endete auch ein Aufstand der französischen Barone des Poitou gegen Ludwig, die wie - Hugo X. von Lusignan, der enge familiäre Bindungen zum französischen wie zum englischen Hof hatte - ihr von Eigeninteressen geleitetes Wechselspiel zwischen beiden Mächten aufgeben und sich endgültig der französischen Krone unterwerfen mussten. Heinrich III. indes, der nicht aufhörte, die Restitution verlorener Besitztümer der Plantagenets auf dem Festland zu verlangen, musste einsehen, dass die aufsässigen Barone seines eigenen Landes kein Interesse daran hatten und die notwendigen Gelder für weitere militärische Abenteuer verweigerten; zudem schien ihm nach 1250 die Herrschaft in Sizilien für seinen Sohn ein lohnenderes Feld, das nicht ohne ein Einvernehmen mit Ludwig IX. zu bearbeiten war.

Einen tieferen Einblick in die Waffenstillstandsverhandlungen gewinnt die Verfasserin über die Personen der Unterhändler sowie über die Modalitäten der Verträge. Es waren höchst erfahrene, mit den regionalen Gegebenheiten vertraute Diplomaten weltlichen und geistlichen Ranges, die die Verhandlungen führten; und es waren feierliche Eide durch die Repräsentanten der Könige, welche die Ergebnisse absicherten, indem sie gleichsam Gott als Zeugen ins Spiel brachten. Eine nicht zu unterschätzende Brückenfunktion für den gesamten Friedensprozess erkennt die Verfasserin Simon von Montfort zu, der als englischer Baron mit französischen Wurzeln für Heinrich ein wichtiger Ratgeber, mit Ludwig jedoch in seiner Frömmigkeit und Begeisterung für den Kreuzzug verbunden war. Geradezu als ein Lehrstück für die moderne Krisendiplomatie können die Schiedsgerichtsverfahren des späten Mittelalters gelten, die zwar Rache nicht generell ausschlossen, aber die Eskalation von Gewalt vor allem auf der Ebene der Könige wirksam eindämmten.

Wenngleich in diesen 17 Jahren die diplomatischen Netze immer enger geknüpft wurden, bietet der Abschluss eines dauerhaften Friedens immer noch genügend Anlass zum Staunen. Hier rückt die Autorin die komplexe Persönlichkeit Ludwigs IX. "des Heiligen" in den Mittelpunkt, über den wir eine nahezu erschöpfende Biographie von Jacques Le Goff besitzen. Wie Le Goff will auch Pélissié du Rausas den Menschen hinter dem Heiligen erkunden, betont daher auch die familiären Bindungen mit dem englischen Hof, die ihn zum Abschluss des Friedens ebenso bereit machten wie sein Realismus der Macht und seine Kreuzzugspläne. Dennoch: Gerade die verwandtschaftlichen Beziehungen, so eine These, spielten zu dieser Zeit nicht die Rolle, die man ihnen heute zumeist beimisst; viel wichtiger seien gemeinsame Erlebnisse im Krieg oder auf Kreuzzügen gewesen.

Entsprach die religiöse Dimension Ludwigs des Heiligen nur einer Konvention der Frömmigkeit? Die Autorin ist anderer Meinung und nimmt auch jene Zeitzeugen ernst, die von Gewissensbissen des Königs, von seiner Sorge um sein ewiges Seelenheil sprechen. Sie identifiziert drei Mitglieder des Franziskanerordens, die an der entscheidenden Phase der Friedensverhandlungen beteiligt waren und durch ihre Ordensspiritualität diese Dimension angesprochen haben dürften: auf englischer Seite Adam Marsh, auf französischer Seite Bischof Eudes Rigaud von Rouen; und auch der Papst hatte einen engen Vertrauten aus diesem Orden gesandt, Mansueto (Mansuetus de Castillione), ein päpstlicher Kaplan, von dem man allerdings kaum etwas weiß.

Durchschlagende Beweise für diesen franziskanischen Einfluss kann die Verfasserin freilich nicht liefern, dürfte er sich doch vor allem in foro interno ausgewirkt haben. Um ihre These zu stützen, nutzt sie dafür den historischen Kontext, so etwa den Fürstenspiegel des Franziskaners Guibert von Tournai, der die Verletzung fremder Rechte geißelt. Weitere Indizien sieht sie in einem päpstlichen Privileg an den König (1257), unrechtmäßig angeeignete Güter durch Almosen abzugelten, um den Seelenfrieden wiederzuerlangen. Ebenso nennt sie die nahezu vergessenen "Annalen eines anonymen Parisers" (Annales clerici cujusdam ut videtur Parisiensis, British Library Cotton Vespasien D IV, f. 2-73) von 1250-1299, in denen berichtet wird, Ludwig habe Heinrich III. eine große Summe Geld zukommen lassen, damit er selbst und seine Vorfahren ihrer Sünden ledig würden. Schließlich zeige auch Jean de Joinvilles 1309 verfasste erste Biographie des Heiligen, dass die Skrupel wegen ungerecht erworbenen Besitzes durchaus dem Zeitgeist entsprachen. Selbst Ludwigs IX. Geschenk wertvoller Reliquien an Mansueto wird noch als Beleg für dessen besondere Dienste bei den Friedensverhandlungen interpretiert.

Vor allem aber sieht Pélissié du Rausas im Friedensvertrag selbst einen Beleg für die religiöse Motivation: Trotz des ausführlich geschilderten Engagements von Verhandlern, Ratgebern und Mediatoren fiel er dem französischen König nicht in den Schoß. Dass Heinrich III. zwar auf die Normandie und die Kernlande um Paris endgültig verzichten musste, jedoch die Gascogne als Lehen behalten konnte, rief auf französischer Seite vor allem bei jenen massive Widerstände hervor, die von Frankreichs militärischer Überlegenheit ausgingen. Eine Demütigung des englischen Königs, der - erstmalig in der Geschichte - als Vertragsbedingung auch dem französischen König zu huldigen hatte, schließt die Verfasserin, allerdings ohne wirklich überzeugende Gründe zu nennen, aus. Somit verschiebt sich auch unter diesem Aspekt das Bild Ludwigs von einem Machtpolitiker zu einem Herrscher, dessen Glaube ihn zum Ausgleich der Interessen bewegt.

Pélissié du Rausas' Arbeit bereichert nicht nur die Geschichte der englisch-französischen Beziehungen im 13. Jahrhundert, sondern stellt auch einen enormen Gewinn für die Kenntnis diplomatischer Prozesse in dieser Zeit dar: von der Anbahnung und Führung von Verhandlungen bis hin zur Beurkundung ihrer Ergebnisse. Die Autorin zeigt ihren Spürsinn für oft übersehene Details, verbunden mit einer umfassenden und akribischen Quellenarbeit in englischen wie auch französischen Archiven, ebenso wie Mut auch zu gewagten Thesen. Eine Berücksichtigung deutscher Sekundärliteratur hätte die beschriebenen Waffenstillstände mit dem "Handfrieden" im deutschen Raum in Verbindung bringen können. Auch wäre ein Sachindex nützlich gewesen.

Rezension über:

Pélissié du Rausas Amicie: Guerres, trêves et paix. La diplomatie franco-anglaise au siècle de Saint Louis (= Collection "Histoire"), Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2025, 354 S., 11 Farb-Abb., ISBN 979-10-413-0004-4, EUR 26,00

Rezension von:
Martin Niedermeier
Universität Passau
Empfohlene Zitierweise:
Martin Niedermeier: Rezension von: Pélissié du Rausas Amicie: Guerres, trêves et paix. La diplomatie franco-anglaise au siècle de Saint Louis, Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 6 [15.06.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/06/40817.html


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