sehepunkte 26 (2026), Nr. 4

Tjark Wegner: Handlungswissen, Kommunikation und Netzwerke

Ulm war für den Dominikaner Felix Fabri am Ende des 15. Jahrhunderts die freieste Stadt, da dort weder Fürsten, Bischöfe, Äbte noch Adlige Besitz hätten, der steuerpflichtig sei. Diese vorgebliche Freiheit stand am Ende langwieriger Auseinandersetzungen zwischen dem Ulmer Rat und verschiedenen geistlichen Einrichtungen. "Diese Konflikte zwischen Magistrat und geistlichen Institutionen stehen im Vordergrund dieser Arbeit" (13). Tjark Wegner wendet den Begriff des "Handlungswissens" an, der ursprünglich aus der Psychologie stammt, und operationalisiert ihn für die Konflikte in Ulm im Spätmittelalter. Für diese Fallstudie untersucht Wegner in sieben thematischen Kapiteln sein Thema; am Ende steht ein kürzeres Fazit. Dazu fokussiert er sich auf die Kategorien, die im Titel der Arbeit stecken: Handlungswissen, Kommunikation und Netzwerke. In Ulm gab es fünf geistliche Einrichtungen, die von den Gründungen bis zur Reformation untersucht werden, wobei das genaue Gründungsdatum nicht immer bestimmt werden kann. Dies sind: 1.) als älteste Institution das Wengenstift der Augustiner-Chorherren, bei dem das Kloster Reichenau bis ins 15. Jahrhundert die Patronatsrechte innehatte. Im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts kamen; 2.) das Dominikanerkloster und 3.) das Franziskanerkloster hinzu, dem 4.) das Klarissenkloster Söflingen in den Jahren 1235-1237 folgte. Schließlich gab es noch 5.) die Sammlung an der Frauenstraße, die in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts gegründet worden war und spätestens seit dem Konzil von Vienne 1311 dem franziskanischen Drittorden angehörte.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Dissertation, die im Wintersemester 2017/18 an der Universität Tübingen in der Landesgeschichte eingereicht worden war. Die Arbeit ist inzwischen preisgekrönt; sie hat sowohl den Preis der Museumsgesellschaft Ulm als auch der Gesellschaft Oberschwabens erhalten.

Als Akteure der Netzwerke benennt Wegner die Bürgerschaft, den Adel sowie geistliche und weltliche Institutionen. Ulms Politik wurde hauptsächlich von patrizischen Familien bestimmt; nur wenige zünftige Familien waren auch beteiligt, wobei es sich meist um Kaufleute handelte. Von Seiten des Adels spielten die Grafen und späteren Herzöge von Württemberg eine entscheidende Rolle sowie die Herzöge von Bayern. Die Franziskaner mit ihrer hohen Mobilität konnten während der Reformen des 15. Jahrhunderts auf keine familiären Netzwerke zurückgreifen, was bei den Klarissen, vor allem den Nonnen aus adligen Familien, ganz anders war. Der Autor will den "vielschichtigen relationalen Beziehungen der Individuen sowie der Institutionen und Familien gerecht" (95) werden, was ihm gut gelungen ist. Unter dem blumigen Titel "Die Kirche in die Stadt holen" setzt sich Wegner mit der Stadtgeschichte Ulms im 14. Jahrhundert auseinander, die durch den Konflikt der Stadt mit Karl IV. und die Auseinandersetzungen um den Münsterbau geprägt war.

Ein großer Schwerpunkt liegt auf dem Prozess der Ordensreform im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Das Ulmer Dominikanerkloster wurde 1465 durch den Provinzial Peter Weller und mit Hilfe des Ulmer Rates erfolgreich reformiert. Durch die Brüder Ludwig Fuchs und Felix Fabri wurde Ulm danach im Südwesten ein kleines, aber wichtiges Zentrum der Ordensreform. Für die Reform der anderen geistlichen Einrichtungen wandte der Rat sein Handlungswissen kommunikativ an, indem er etwa den Herzog von Bayern-Landshut in sein Vorgehen einband. Die Klarissen wehrten sich hingegen aktiv gegen die Reform, sie waren aber auch sehr gut mit den Führungsfamilien vernetzt.

Auch die sogenannten "Söflinger Briefe", die zwischen Franziskanern und Klarissen ausgetauscht wurden und schon länger in der Forschung bekannt sind, nahm sich Wegner erneut vor. Am Beispiel des "Briefpaares" Magdalena von Suntheim, einer Klarissin, und Jodocus Wind, dem Franziskanerguardian, charakterisiert er deren Austausch exemplarisch für "Generierung" und "Anwendung" von neuem Handlungswissen durch den Rückgriff auf kommunikative Netzwerke (238 f.). Sehr spannend ist der Abschnitt zu Boten und Gesandten, die zur Kompensation von Wissensdefiziten im Kontext der Observanz eingesetzt wurden und "Expertisestrategien" entwickelt hatten (299-308). Ein Großkapitel ist der Reformation gewidmet, wobei die Zeit der 1520er Jahre bis 1531 berücksichtigt wird. In diesem Jahr wurden die Geistlichen befragt, es wurde eine neue Kirchenordnung eingeführt und die Mendikantenklöster wurden aufgelöst. Zudem floh der Propst von Wengen, Ambrosius Kaut.

Die Studie hat in großem Umfang nicht-gedruckte sowie gedruckte Quellen herangezogen, vor allem Aktenmaterial aus dem Stadtarchiv Ulm und dem Staatsarchiv Ludwigsburg. Der Band wird durch einen umfangreichen Anhang zu den behandelten Familien und Konventsmitgliedern und Pflegern ergänzt. Er leistet einen wichtigen Beitrag zur Kategorie "Handlungswissen", die bisher wenig Eingang in die historische Forschung gefunden hatte. Es wird in dieser Studie deutlich, dass die Aneignung von Handlungswissen von individuellen und institutionellen Faktoren abhängt, die nicht einfach verallgemeinert werden können. Insgesamt liegt hier ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Reichsstadt Ulm vor, der darüber hinaus grundlegende neue Ergebnisse bietet, die für die weitere Erforschung von geistlichen Einrichtungen von Bedeutung sind.

Rezension über:

Tjark Wegner: Handlungswissen, Kommunikation und Netzwerke. Der Ulmer Rat im Konflikt mit geistlichen Einrichtungen (1376-1531) (= Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde; Bd. 84), Ostfildern: Thorbecke 2023, 580 S., ISBN 978-3-7995-5284-4, EUR 64,00

Rezension von:
Sabine von Heusinger
Historisches Institut, Universität zu Köln
Empfohlene Zitierweise:
Sabine von Heusinger: Rezension von: Tjark Wegner: Handlungswissen, Kommunikation und Netzwerke. Der Ulmer Rat im Konflikt mit geistlichen Einrichtungen (1376-1531), Ostfildern: Thorbecke 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/04/38865.html


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