In seiner Studie widmet sich der Zeithistoriker Maik Tändler dem politisch-publizistischen Wirken Armin Mohlers (1920-2003), dem bedeutendsten deutschsprachigen politischen Publizisten der Neuen Rechten. Ausgehend von Mohlers Nachlass, seinen Publikationen sowie seiner Tätigkeit für die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung leuchtet Tändler Mohlers Betätigungsfelder, Kontexte und Beziehungen zu anderen Vertretern der politischen Rechten und Vertretern konservativer Politik aus. Tändler fasst das Feld der Neuen Rechten dabei recht groß und grenzt es nicht trennscharf vom Rechtsextremismus ab.
Mohler kann als eine Art Stammvater der Neuen Rechten gelten. In seiner 1950 erschienenen Doktorarbeit "Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932" war er darum bemüht, gleichsam restituierendes und umstürzlerisches, antiliberales Denken der Zwischenkriegszeit auf eine Weise darzustellen, dass es nicht wie ein Beitrag zur Vorbereitung des Nationalsozialismus erschien. Mohler, der sich während des Krieges der Waffen-SS anschließen wollte, machte sich nach dem Krieg daran, die "Konservative Revolution" als Denktradition diskursiv zu etablieren und damit auch auf konservative Kreise einzuwirken. Mit seiner Dissertation legte Mohler den Grundstein für die Neue Rechte in Deutschland, deren Geschichte und Denkbewegungen seit den Wahlerfolgen der AfD seit einiger Zeit intensiv erforscht wird. Spätestens Volker Weiß' Studie "Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes" (2017) [1] hat die Thematik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Tändlers Buch erfüllt eine ähnliche Aufgabe. Er zeigt, wie Mohler sein Denken immer wieder aktualisierte, um so von rechts Druck vor allem auf die Unionsparteien auszuüben und gleichzeitig eine Bewegung rechts von ihnen ins Leben zu rufen. Er selbst scheiterte damit. Mit der AfD, deren Personal vielfach in engem Kontakt und Austausch mit den Adepten Mohlers steht, scheint die Neue Rechte in Deutschland erstmals politisch reüssieren zu können.
Die Versuche Mohlers, eine solche Bewegung zu schaffen, verfolgt Tändler in sieben dichten, und doch gut lesbaren Kapiteln. Der Autor ist dabei nicht auf Mohler fixiert, sondern nimmt größere Zusammenhänge in den Blick wie die deutsche Zeitschriftenlandschaft oder die Geschichtswissenschaft der frühen Nachkriegszeit. So ergibt sich ein Prisma, durch das man vom rechten Rand des Konservatismus auf das politische Geschehen der Bundesrepublik blickt und einen Eindruck von den politischen Zielen eines Milieus bekommt, das in sich selbst nicht geschlossen, sondern vielfach untereinander zerstritten war. Mohler überwarf sich stetig mit einstigen Weggefährten in der Frage, was eigentlich konservativ sei. Oft waren ihm die, die dieses Wort im Mund führten, nicht radikal genug.
So versuchte Mohler in den frühen 1950er Jahren mit seinem Projekt zur "Konservativen Revolution" das neu gegründete Institut für Zeitgeschichte in München zu überzeugen. Nachdem er dort gescheitert war, ergaben sich für ihn jedoch andere Beschäftigungsfelder. Durch Hans Zehrer, ehemals zentrale Figur im antiliberalen Tat-Kreis und Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift, ergab sich beispielsweise die Möglichkeit, regelmäßig in einer auflagenstarken Tageszeitung zu publizieren. Zehrer wurde nach 1945 Redakteur beim Axel-Springer-Verlag und holte Mohler zur Zeitung Die Welt, der dort jedoch wegen politisch-weltanschaulicher Differenzen nicht lange blieb. Nicht zuletzt wegen des unverbrüchlichen Beistands gegenüber Israel, zu dem Springer all seine Redakteure verpflichtete, griff Mohler immer wieder Axel Springer an. Für ihn stellte die Solidarität mit Israel eine ungehörige Selbstversklavung unter die Prämisse Vergangenheitsbewältigung dar. Der Kampf gegen eine historisch-kritische Aufarbeitung der NS-Verbrechen zieht sich wie ein roter Faden durch Mohlers intellektuelle Biografie. Neben einer generellen Ablehnung mit der liberalen Demokratie war die oft antisemitisch grundierte Abwehr der Aufklärung über die NS-Vergangenheit wesentlich für Mohler, was ihn jedoch politisch nicht isolierte. In den frühen 1960er Jahren gelangte er schließlich in das Umfeld von Franz Josef Strauß, der zu dieser Zeit einen rechtskonservativen think tank um sich scharte. In Strauß meinte Mohler einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, und maß ihm die Qualitäten eines dezisionistisch auftretenden Volkstribuns zu. Aber er sah sich bald getäuscht und es kam zum Bruch.
Für die Gegenwart besonders aufschlussreich ist das sechste Kapitel, in dem Tändler die Entstehung der Zeitschrift Criticón und das Verhältnis Mohlers zu dessen langjährigen Herausgeber Casper von Schrenck-Notzing nachvollzieht. Die als Forum für die Rechte angelegte Zeitschrift sollte den diskursbestimmenden Linken die Meinungshoheit entreißen. Criticón suchte eine neue, kämpferische Form des Konservatismus in der Nachfolge von Ernst Jünger und Carl Schmitt. Mohler war immer wieder auf der Suche nach Trägern eines solchen kämpferischen Konservatismus. Criticón sollte eines der langlebigsten und einflussreichsten Zeitschriftenprojekte der Neuen Rechten werden. Nachahmer fand sie ab 2003 in der Sezession und ab 1986 in Wochenzeitung Junge Freiheit. Ziel all dieser Periodika war und ist es, ihren Lesern das theoretische Rüstzeug im antiliberalen Kampf an die Hand zu geben.
Das letzte Kapitel befasst sich mit wohl einem der spannendsten Aspekte in der Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten - dem Verhältnis und den Ähnlichkeiten zur radikalen Linken. Angesichts der Wirkungsgeschichte von "1968" stellte sich Mohler die Frage, was er und die Seinen von der radikalen Linken lernen könnten. Sie stießen dabei auf die Ideen Antonio Gramscis, der für den Erfolg der Linken die Besetzung des vorpolitischen Raumes ausmachte, also die Einflussnahme auf Kultur und Publizistik. Diese Strategie hatte die Neue Rechte von Anbeginn mit Nachdruck verfolgt, nur mit vergleichsweise wenig Erfolg. Daneben sah Mohler nicht zu Unrecht in Teilen der deutschen Linken auch inhaltliche Überschneidungen. Laut Mohler stellten Teile der radikalen Linken die Frage nach der deutschen Identität, wenn etwa Thomas Schmid, ehemaliges Mitglied des SDS und des Revolutionären Kampfs, monierte, dass die deutsche Linke in allzu großer "Unterwürfigkeit" gegenüber "ausländischen Genossen" ihr "eigenes Land" verleugne: "Das ist eine Sackgasse, das steht in der Tradition der imperialistischen Entnazifizierung durch die gottverdammten Yankees, die die Demokratie bei uns verordnet haben." (378)
Tändler, der an einer Studie über Mohlers Zeit in der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung arbeitet, hat eine äußerst lesenswerte und reichhaltige Studie über ein lange nur wenig beachtetes intellektuelles Milieu vorgelegt und damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der jüngeren deutschen Geschichte geliefert. Gelegentlich verliert sich die Beschäftigung in den vielen Seitenarmen der verzweigten neurechten Diskursgeschichte und führt allzu weit von Mohler weg. Neben den vielen Rekonstruktionsschritten ist insbesondere hervorzuheben, dass Tändler alle auftretenden Akteure mit einer kurzen biografischen und intellektuellen Skizze einführt, aus der ihre jeweilige Rolle zwischen 1933 und 1945 hervorgeht. So gelingt es dem Autor, ausgehend von Mohler als zentralem Akteur, ein vielschichtiges Panorama der Bundesrepublik zu zeichnen.
Maik Tändler: Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik (= Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts; Bd. 31), Göttingen: Wallstein 2025, 468 S., ISBN 978-3-8353-5823-2, EUR 38,00
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