sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Gordon M. Stewart: Spymaster

Memoiren von ehemaligen Angehörigen der Central Intelligence Agency (CIA) sind Legion. Vor ihrer Veröffentlichung müssen sie vom Publications Review Board des Dienstes geprüft und freigegeben werden. Allein 2010 durchliefen 1800 Manuskripte diesen Prozess. "The spies are coming in from the cold - and heading straight to Amazon.com." [1] Thomas Boghardt vom U.S. Army Center of Military History fügt dieser Welle an Veröffentlichungen mit den aus dem Nachlass herausgegebenen Lebenserinnerungen von Gordon M. Stewart ein weiteres Kapitel hinzu, allerdings ein besonderes: Denn Stewart zählte zu den Veteranen des US-Weltkriegsnachrichtendienstes Office of Strategic Services (OSS). Nach 1945 erlebte er dessen Transformation über Zwischenschritte zur CIA an verantwortlicher Stelle im besetzten Deutschland; eine Zeit, als sich der Fokus des zentralen amerikanischen Nachrichtendienstes innerhalb von nicht einmal zwei Jahren von der Verfolgung nationalsozialistischen Personals hin zur Aufklärung sowjetischer Aktivitäten in Ostdeutschland und Ostmitteleuropa verschob. Stewart gehört jedoch nicht zu den in der Literatur inzwischen gut bekannten "deutschen" CIA-Residenten wie Dana Durand, Peter Sichel, Henry Hecksher oder William King Harvey. Das mag vor allem daran liegen, dass er zwar in seiner Zeit in Deutschland von 1945 bis 1953 mit seinen eigenen Worten einen "meteoric rise" (129) erlebte, aber kein "man of action" (68) war, sondern namentlich administrative Leitungsaufgaben ausübte. Im Unterschied zu den Genannten war Stewart nie in Berlin tätig, jenem Ort, der - neben Wien - als "ground zero of the Cold War" betrachtet werden kann (18), sondern stets im deutschen Hauptquartier des Dienstes, das zwischen 1945 und 1952 von Wiesbaden über Heidelberg und Karlsruhe nach Frankfurt am Main umzog, bevor es 1964 in Bonn seinen Sitz nahm.

Stewarts Text ist kein auf die Tätigkeit in den US-Diensten konzentriertes Memoir, sondern umfasst auch seine Kindheit und Jugend. Obwohl er sich den Text vom Publications Review Board hat freigeben lassen, erschien er, mehr oder weniger ein Zufallsfund aus Familienbesitz, erst ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod 1999. Nach einer über vierzigseitigen Einleitung des Herausgebers, in der die Ausführungen des Verfassers mit dem Forschungsstand zu den US-Diensten im Nachkriegsdeutschland verbunden werden, folgen auf 135 Seiten die Erinnerungen, davon 60 über die Zeit bis zu seinem Eintritt in das OSS 1943 und knapp 75 über seine Arbeit bis zum Ausscheiden aus der CIA 1971. Genau genommen endet der betrachtete Zeitraum allerdings 1953, mit Stewarts Rückkehr in die USA. Für die restlichen bald zwei Jahrzehnte seiner Dienstzeit, darunter als Personalchef, Chef der Osteuropaabteilung, CIA Station Chief in der Bundesrepublik (1962-1966) und Generalinspekteur des Dienstes (eine Art Chef der inneren Revision) bleiben ganze sechs Seiten. Warum Stewart hierüber nichts niedergeschrieben hat, erschließt sich nicht wirklich, denn darunter waren zwei herausgehobene Positionen der Auslandsaufklärung; auch der Herausgeber gibt keine Auskunft, wie er überhaupt zur Genese und Überlieferung des Textes nur spärliche Angaben macht.

Stewart entstammte einer Familie baptistischer Geistlicher, sein Vater hatte Evangelische Theologie in Harvard studiert und arbeitete als Pastor. Stewart wuchs zunächst in einer Kleinstadt in New York State, dann in Philadelphia, schließlich nahe Chicago auf. Diese Stationen werden jeweils knapp, aber durchaus farbig skizziert. Deutlich wird die Prägung durch das Elternhaus mit dem Ideal eines guten Lebens, aber mit relativ engen persönlichen Grenzen. Diese brachen auf, als Stewart 1930/31 in München Geschichte studierte. Obwohl er den Aufstieg des Nationalsozialismus durchaus wahrnahm, konnte er ihn politisch nicht richtig einordnen; das Studentenleben in München dagegen gefiel ihm, und, wie er in seinen Erinnerungen selbst reflektiert, schaute er nicht unter die Oberfläche des Alltags. Erst als er 1934 nochmals für zwei Semester nach Deutschland kam, nun in Hamburg, wurde ihm "the extent and force of the movement that had Germany in its grip" deutlich: "Germany had set herself apart from the democratic world; she was marching while we stood complaining at the marketplace" (98 f.).

Mit seinen überdurchschnittlichen deutschen Landes- und Sprachkenntnissen war Stewart nach einer Ausbildung zum Artillerieoffizier prädestiniert für eine Mitarbeit in der Research and Analysis Branch innerhalb des OSS, wo er auf Franz Neumann, Felix Gilbert, Hajo Holborn und Herbert Marcuse traf - die Geschichte dieser deutschen Gruppe ist schon geraume Zeit etwa mit dem Arbeiten von Petra Marquardt-Bigman und Tim B. Müller gut erschlossen. Seit 1944 in London, wechselte Stewart dort zur OSS-Spionage, bevor er im Folgejahr dem Hauptquartier in Wiesbaden zugeordnet wurde und die Leitung der Spionagesektion in Deutschland übernahm. 1946 siedelten die Nachfolger von OSS nach Heidelberg über, laut Stewart eine Art Seminar, um das Geschäft der Spionage überhaupt erst richtig zu erlernen: sogenannte "bread-and-butter operations" (135) mit niedrig- und mittelschwelligen Aufklärungszielen, über die das Lesepublikum nichts Näheres erfährt.

Im Folgenden berichtet Stewart nur wenig von geheimen Unternehmungen, etwa den ebenfalls in der Literatur bereits bekannten Einschleusungen von ukrainischen Dissidenten mit Fallschirm in die Sowjetunion - unter horrenden Verlusten. Die Militärspionage der Organisation Gehlen bekommt ein positives Zeugnis ("A briefing at his [Gehlens] headquarters was the best intelligence show in Europe", 158; "doing a competent job", 169), selbst wenn eine gewisse Skepsis gegenüber Personal, Methoden und Zuverlässigkeit bestehen blieb - zu Recht, wie die jüngste Forschung zu "Org" und Bundesnachrichtendienst gezeigt hat. Doch sind die Erinnerungen vor allem eine Quelle über die Interna der verschiedenen Organisationseinheiten und des Personals innerhalb der amerikanischen intelligence community in Deutschland. Stewart, seit Dezember 1945 Spionage-, dann seit März 1947 deutscher Missionschef der OSS-Nachfolgedienste, schließlich CIA-Station Chief in Frankfurt, berichtet vom logistischen Alltag der Dienste, erzählt von der Konkurrenz zur Army- und Air Force (Counter-)Intelligence und markiert die Unterschiede zwischen den zwei großen Abteilungen des Dienstes für Spionage/Gegenspionage und für verdeckte Operationen. Auch hebt er anfängliche Schwierigkeiten eines Teils seiner Leute hervor, die UdSSR als neues Ziel der Aufklärung zu akzeptieren. Ein echtes Bewusstsein für den Kalten Krieg zwischen den beiden Siegermächten habe sich erst mit dem Koreakrieg eingestellt, der sich massiv auf die Operationen der CIA in Deutschland auswirkte; von wenigen Hundert stieg der Personalkörper dort bis Mitte der 1950er Jahre auf 1700 Beschäftigte an. Damit wandelte sich der Charakter des Dienstes von einer kleinen, elitären, fokussierten Gruppe hin zu einer großen, unübersichtlichen Organisation mit nicht immer eindeutig definierten Aufgaben, Grenzen und Zielen. Aber: "It was our job to make the new merged organization work. Indeed, it was in accepting that kind of challenge that we showed what we were worth" (180).

Obwohl er nach Rückkehr in die USA mit seinem Aufstieg zum Personalchef einen qua Amt gewichtigen Posten in der CIA einnahm, war "Gordon", so befindet Herausgeber Boghardt, "neither an empire builder nor a master of office politics".(31) Tatsächlich wird in seinen Erinnerungen, zwischen den Zeilen gelesen, deutlich, dass Stewart offenkundig lebenslang geprägt blieb vom Beruf seines Vaters und dem baptistischen Milieu seiner Kindheit und Jugend (nicht zufällig wurde er vom Berliner CIA-Chef Harvey als "Bishop" tituliert): ein hochgebildeter, feinsinniger Verwaltungsbeamter ohne die Aura des Konspirativen, ein Mann, den man sich wohl ebenso gut als Dean an einer renommierten amerikanischen Universität vorstellen konnte. Der hochbetagte Peter Sichel erinnerte sich 2020 an Stewart: "He was an excellent administrator, fair and judicious [...]. He lacked passion, but then his job was better without it." (191)

Die Edition der Erinnerungen Stewarts können in ihrem ersten Teil als Quelle über eine Jugend in evangelisch-freikirchlich geprägtem Elternhaus in den USA der 1910er und 1920er Jahre gelesen werden, sodann auch als Beitrag zur Wahrnehmung von Weimarer Republik und NS-Deutschland durch einen Amerikaner der jungen Generation. In ihrem zweiten Teil fügen sie aufschlussreiche Bausteine über die innere Struktur der US-Dienste im Westdeutschland des frühen Kalten Krieges bei und ergänzen die Memoiren etwa von Sichel und James Critchfield. [2] Sie bereichern damit die vorhandene Forschungsliteratur um persönliche Eindrücke, das Atmosphärische, kurz um den - mit einem Buchtitel von Graham Greene - "menschlichen Faktor".


Anmerkungen:

[1] Christopher Moran: Company Confessions. Secrets, Memoirs, and the CIA, New York 2016, 8.

[2] Beide in deutscher Übersetzung vorliegend: James H. Critchfield: Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948-1956, Hamburg / Berlin / Bonn 2005; Peter M.F. Sichel: Die Geheimnisse meiner drei Leben, Frankfurt a. M. 2019.

Rezension über:

Gordon M. Stewart: Spymaster. The Memoirs of Gordon M. Stewart, CIA Station Chief in Cold War Germany. Edited by Thomas Boghardt (= De Gruyter Studies in Military History; Vol. 11), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2024, XIV + 195 S., 4 Farb-, 20 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-134844-5, EUR 79,95

Rezension von:
Armin Wagner
Potsdam / Dresden
Empfohlene Zitierweise:
Armin Wagner: Rezension von: Gordon M. Stewart: Spymaster. The Memoirs of Gordon M. Stewart, CIA Station Chief in Cold War Germany. Edited by Thomas Boghardt, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/39723.html


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