sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Pavlína Rychterová (ed.): Historiography and Identity VI

Es ist beeindruckend, wie schnell sich die bei Brepols beheimatete Reihe "Historiography and Identity" zu einem der maßgeblichen Zentren für die Erforschung geschichtlicher Identitätsentwürfe entwickelt hat. Auch der von Pavlína Rychterová herausgegebene Band folgt dieser ambitionierten Linie und begreift historische Erzählungen nicht als bloße Berichte über Vergangenes, sondern als hochwirksame Werkzeuge gesellschaftlicher Selbstvergewisserung. Hier wird Geschichte als ein aktiver Prozess verstanden, in dem die Vergangenheit gezielt geformt wird, um der Gegenwart Sinn und der Zukunft eine Richtung zu geben.

Was diesen Band besonders auszeichnet, ist sein ungewöhnlich weiter Blickwinkel, der die oft starren, westeuropäisch dominierten Vorstellungen von "Zentraleuropa" mutig hinter sich lässt. Der untersuchte Raum erstreckt sich vom Rhein bis tief ins Baltikum und eröffnet damit ein Panorama kultureller und sprachlicher Grenzverschiebungen, in dem Identität stets neu ausgehandelt werden musste. Dass Pavlína Rychterová dieses Projekt leitet, ist nur folgerichtig: Ihre fundierte Forschung im Bereich volkssprachlicher Literaturen prägt die gesamte Konzeption des Buches.

Die innere Gliederung des Bandes folgt einer dreiteiligen thematischen Struktur, die unterschiedliche Modi historiographischer Identitätskonstruktion systematisch voneinander unterscheidet, ohne sie strikt voneinander zu trennen. Diese Anlage erweist sich als sinnvoll, da sie sowohl diachrone als auch synchrone Vergleichsperspektiven eröffnet und zugleich die Vielfalt der untersuchten Quellen produktiv bündelt.

Der erste Themenblock, überschrieben mit "A Past that Never Was: Creating Collective Identities", versammelt fünf Beiträge, die sich mit der gezielten Erfindung, Umdeutung oder Mythisierung von Vergangenheit befassen. Im Zentrum stehen hier Strategien kollektiver Selbstvergewisserung, die weniger auf historischer Plausibilität als auf politischer und sozialer Funktionalität beruhen. Paweł Żmudzki zeigt in seiner Untersuchung der Begriffe "Polanen" und "Polen" (Volk und Land) eindrücklich, dass ethnische Bezeichnungen in den historiographischen Traditionen Polens und der Rus keineswegs stabil oder eindeutig waren, sondern situativ eingesetzt und semantisch verschoben wurden. Identität erscheint hier als Ergebnis narrativer Aushandlung, nicht als gegebene Größe.

Ähnlich grundlegend fällt der Befund von János M. Bak aus, der die Chronica de gestis Hungarorum als bemerkenswerten Sonderfall analysiert: Statt klarer Abgrenzungen zwischen "Eigenem" und "Fremdem" tritt eine auffällige Zurückhaltung gegenüber kollektiven Identitätsmarkierungen zutage. Der Beitrag von Jacek Banaszkiewicz ergänzt diese Perspektive, indem er Wincenty Kadęubek als aktiven Gestalter einer frühen polnischen Vergangenheit porträtiert, deren narrative Struktur bewusst auf Legitimierung und Kontinuität ausgerichtet ist. Matthias Meyer wiederum lenkt den Blick auf die Österreichische Chronik von den 95 Herrschaften und arbeitet heraus, wie gezielte Adressierung spezifischer Gemeinschaften - etwa regionaler Eliten - die Form und den Inhalt historiographischer Darstellung prägt. Den Block beschließt Pavlína Cermanová mit einer Analyse der Hussitenchronik des Laurentius von Březová, in der die Konstruktion einer hussitischen Identität als genuin christliche Gemeinschaft über eine konsequente biblische Rahmung erfolgt.

Der zweite Themenblock ("The Realm and its People: Re-writing Political Identities") erweitert diese Perspektive um jene Kontexte, in denen historiographische Identitätsentwürfe unmittelbar auf politische Umbrüche reagieren. Die sechs Beiträge dieses Abschnitts zeigen, wie dynastische Wechsel, territoriale Neuordnungen oder veränderte Machtkonstellationen zu Neubewertungen der Vergangenheit führten.

Ryszard Grzesik analysiert die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfasste Ungarisch-Polnische Chronik als ein hybrides Werk, das polnische und ungarische Traditionen miteinander verschränkt und dadurch eine transregionale Perspektive auf frühe Geschichte entwickelt. Pavlína Rychterová widmet sich der Chronik des sogenannten Dalimil und arbeitet heraus, dass deren Identitätskonzept weniger sozialständisch als sprachlich fundiert ist - ein Befund, der gängigen Deutungen widerspricht.

Václav Bok zeigt anhand der Steirischen Reimchronik des Ottokar aus der Gaal, wie literarische Reminiszenzen gezielt eingesetzt werden, um zeitgenössische Herrscherfiguren in überlieferte Deutungsmuster einzubetten. Der gemeinsam von Václav Ž ůrek und Pavlína Rychterová verfasste Beitrag zur Chronik des Přibík Pulkava von Radenín verdeutlicht, wie slawische und böhmische Identität nicht als Gegensätze, sondern als überlagernde Bezugssysteme inszeniert werden. Vlastimil Brom ergänzt diese Analyse durch seine Untersuchung der deutschsprachigen Reimübersetzung der Dalimil-Chronik, in der neue Differenzierungen eingeführt werden, die im Original fehlen - ein eindrucksvolles Beispiel für die identitätsbildende Kraft von Übersetzungen. Den Block beschließt Rimvydas Petrauskas mit einer Studie zur litauischen Geschichtsschreibung des 15. und 16. Jahrhunderts, die den Übergang von dynastischer zu ständisch-adeliger Identität nachvollzieht.

Der dritte Themenblock ("Local and Regional Identities in Dialogue") richtet den Fokus schließlich auf lokale und regionale Konstellationen, in denen Identität nicht primär im Verhältnis zu Herrschaft oder Reich, sondern im Spannungsfeld sozialer Gruppen, religiöser Institutionen und ethnischer Zuschreibungen ausgehandelt wird.

Przemysław Wiszewski analysiert die Versus Lubenses als Zeugnisse sozialer Kohäsion und Differenzierung im schlesischen Raum. Christina Lutter zeigt am von Jans Enikel Mitte des 13. Jahrhunderts verfassten Fürstenbuch, wie affektive Erzählstrategien genutzt werden, um Gemeinschaften emotional zu binden und genealogisch zu verankern. Piotr Węcowski untersucht Jan Długoszs Darstellung der Krakauer Kirche als Ort lokaler Erinnerung und institutioneller Identität. Marcus Wüst legt in seiner Analyse der Chroniken des Deutschen Ordens offen, wie wechselnde Selbstbilder - vom geistlichen Ritterorden bis zur territorialen Macht - narrativ legitimiert wurden. Martin Haltrich richtet den Blick auf frühösterreichische Klosterchroniken und deren Rezeption durch lokale Eliten, bevor Jörg Sonntag den Band mit einer Untersuchung ethnischer Zuschreibungen in schwäbischen Chroniken des 15. Jahrhunderts beschließt.

In ihrer Gesamtheit machen diese Beiträge deutlich, dass historiographische Identität im Mittelalter weder homogen noch stabil war. Vielmehr erscheint sie als Produkt fortlaufender narrative Anpassung, deren Erfolg stets von sozialer Resonanz abhing. Die klare thematische Gliederung des Bandes hilft, diese Dynamiken sichtbar zu machen, ohne sie schematisch zu vereinfachen. Gerade in der Zusammenschau erweist sich der Band als überzeugendes Plädoyer dafür, mittelalterliche Geschichtsschreibung als aktiven Akteur politischer und sozialer Sinnstiftung ernst zu nehmen. Ein zentrales Augenmerk liegt dabei auf den subtilen Mechanismen der Sprache - auf der Frage, wie Übersetzungen und Mehrsprachigkeit als Stellschrauben der Identitätsbildung fungierten. Wie tiefgreifend dieser Prozess sein konnte, illustriert etwa die deutschsprachige Fassung der tschechischen Dalimil-Chronik: Durch die Übersetzung wurde plötzlich eine soziale Trennung zwischen einheimischen und zugewanderten Deutschen eingezogen, die im Original gar nicht existierte. Hier wird deutlich, dass Sprache nicht nur ein Gefäß für Informationen ist, sondern aktiv soziale Grenzen zieht.

Obwohl der Band siebzehn detaillierte Fallstudien zu spezifischen Regionen und Texten vereint, zerfällt er keineswegs in unzusammenhängende Einzelteile. Vielmehr wird die Gefahr der Zersplitterung dadurch aufgefangen, dass die Beiträge immer wieder die komplexen Verflechtungen zwischen den verschiedenen historiographischen Traditionen aufzeigen. Wir begegnen Chroniken, die nicht isoliert stehen, sondern in einem ständigen, oft polemischen Dialog miteinander treten. Autoren reagieren auf konkurrierende Deutungen, korrigieren fremde Narrative oder setzen gezielte Gegenerzählungen in Umlauf, um politische oder religiöse Loyalitäten zu festigen. Besonders faszinierend sind dabei jene Momente, in denen ähnliche Motive - wie etwa der Ackerbau als Symbol der Zivilisation in Polen und der Kiewer Rus - völlig unabhängig voneinander entstehen. Dies deutet darauf hin, dass ähnliche soziale Herausforderungen oft zu verblüffend ähnlichen erzählerischen Lösungen führten. Gleichzeitig wird sichtbar, wie unermüdlich regionale Schreiber versuchten, ihre "kleine" Lokalgeschichte in die großen Rahmenberichte der Bibel oder der Antike einzubetten, um den eigenen Eliten eine prestigeträchtige Ahnenreihe zu verschaffen.

Für Leser, die nicht auf die Geschichte Ostmitteleuropas spezialisiert sind, bietet der Band einen enormen Mehrwert durch die Erschließung bisher kaum beachteter Quellen. Das Spektrum reicht von legendenhaften Herrscherlisten über klösterliche Verschroniken bis hin zu frühen politischen Streitschriften. Doch auch bei bekannten Werken erlaubt der Band neue, überraschende Perspektiven. So wird die traditionelle Sicht auf die Dalimil-Chronik als reines Adelsinstrument hinterfragt, indem die Bedeutung der Sprache als eigentliches Identitätsmerkmal hervorgehoben wird.

Was den Band schließlich so wertvoll macht, ist seine methodische Bodenständigkeit. Er verfällt nicht der Versuchung, Identität als völlig beliebiges Konstrukt darzustellen. Vielmehr zeigt er mit wohltuender Nüchternheit, dass zwar vieles erzählt werden konnte, aber längst nicht jede Erzählung auch Erfolg hatte. Dass manche Texte in der Bedeutungslosigkeit versanken, während andere über Jahrhunderte Identität stifteten, verweist auf ein tiefes menschliches Bedürfnis nach einer glaubwürdigen Verankerung in der Zeit. Am Ende steht ein Werk, das durch seine bewusste Vielstimmigkeit besticht und eindrucksvoll unterstreicht, dass historiographische Texte weit mehr sind als bloße Chroniken - sie sind die eigentlichen Schlüssel zur europäischen Kulturgeschichte.

Rezension über:

Pavlína Rychterová (ed.): Historiography and Identity VI. Competing Narratives of the Past in Central and Eastern Europe, c. 1200 - c. 1600 (= Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages; Vol. 32), Turnhout: Brepols 2021, XII + 471 S., ISBN 978-2-503-58545-1, EUR 120,00

Rezension von:
Paul Srodecki
Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Paul Srodecki: Rezension von: Pavlína Rychterová (ed.): Historiography and Identity VI. Competing Narratives of the Past in Central and Eastern Europe, c. 1200 - c. 1600, Turnhout: Brepols 2021, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/36245.html


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